Warum als erstes ausgerechnet dieses Buch? Weil ich dieses als letztes gelesen habe. Weil es aber auch eine Haltung ausdrückt, die mir sehr gefällt und die ich in meiner Arbeit auch selbst anstrebe: Aus der Weisheit jahrtausendealter Glaubenspraxis heraus die Welt in all ihrer Fülle zu betrachten und daraus in umgekehrter Richtung die eigene Spiritualität zu fördern. Ein Thema, was sich hier ganz besonders anbietet, ist der Wein.
Gisela Kreglinger stammt aus einer alten fränkischen Winzerfamilie und arbeitet heute als Theologin in den USA. In diesem Buch hat sie somit quasi ihr Lebensthema verarbeitet. Diese Verbindung ist ein Glücksfall, wie dieses Buch zeigt. Denn Wein spielt nicht nur in der Bibel eine zentrale Rolle als Symbolträger, am Beispiel Wein lassen sich auch wertvolle Gedanken zu einer Haltung zu Natur und Kultur, zu Aufmerksamkeit, Gemeinschaft und Genuss gewinnen. Dieses Buch ist nicht nur lehrreich, sondern trägt dazu bei, die eigene Wahrnehmung der Dinge zu schärfen, indem es den Leser dazu auffordert, sich auf die Komplexität und Tiefe dieses kultivierten Gewächses einzulassen.
Das Eingangskapitel über Wein in der Bibel erscheint zunächst etwas kurz geraten, was sich aber anschließend dadurch erklärt, dass Kreglinger zentrale biblische Elemente im Lauf der Buches näher erläutert. Wir erfahren interessante Dinge über den Weinanbau in der Antike und im Mittelalter: So haben wir zum Beispiel die Anlage der berühmtesten Lagen im Burgund wie dem Clos de Vougeot Zisterziensermönchen zu verdanken, die die Kultivierung möglichst großer Weine als spirituelle Übung verstanden. Wir lernen viel über die Arbeit des Winzers, der den natürlichen Gegebenheiten seiner Weinberge nachspüren muss und daraus Entscheidungen bezüglich Quantität oder Qualität seines Produktes treffen muss. Dass er zum Beispiel Weinberge bei Trockenheit in der Regel nicht künstlich bewässert, weil diese zähen Gewächse nur unter gemäßigtem Stress reichlich Trauben produzieren und weil sie nur dann Wurzeln in tiefere Erdschichten treiben und dadurch komplexere Aromen entwickeln.
Ein guter Wein zwingt uns zu konzentrierter Aufmerksamkeit, um alle seine Eigenschaften in Farbe, Textur, Geruch, Geschmack und Nachgeschmack wahrzunehmen. Er zwingt zum Maßhalten, weil ein Zuviel davon nicht förderlich ist (das Buch enthält auch ein Kapitel über Alkoholmissbrauch). Aber er ist durchaus auch gesundheitsfördernd: der berühmte Rat des Paulus an Timotheus, seine Magenprobleme mit Wein zu lindern, wird durch die moderne Medizin bestätigt. Und letztlich bleiben trotz aller geologischen und biochemischen Forschung die Aromen des Weines aber ein Geheimnis, das es zu entdecken und zu genießen gilt.
Kreglinger zitiert unter anderem den Film „Babettes Fest“, dessen zentrales Thema die Genussverweigerung einer allzu protestantischen Gemeinschaft – und deren Überwindung – ist. Sie berichtet von ihren Begegnungen mit amerikanischen Winzern, die in Kalifornien und Oregon neue Weinanbaugebiete erschlossen haben und inzwischen sehr erfolgreiche Weine produzieren, die aber darin noch nie eine Verbindung zum Christentum herstellen konnten, da diese Haltung in vielen nordamerikanischen Kirchen unbekannt ist. Als Kontrast dazu berichtet sie aber auch von der bodenständigen lutherischen Tradition der jahrhundertealten Weingüter in old Franconia und deren Besitzern, oft alten Adelsgeschlechtern, die ihre Arbeit bewusst als göttliche Gnade und Auftrag verstehen.
Diese Haltung, handwerkliche Arbeit mit spiritueller Tiefe zu verbinden, ist eine ähnliche, wie sie vor ein paar Jahren der Geigenbauer Martin Schleske in „Der Klang“ präsentiert hat. Wo es dort darum ging, wie man aus gewachsenem Holz einen hoch artifiziellen Klangkörper entwickelt, geht es in Kreglingers Buch um die Kultivierung des Geruchs- und Geschmackssinnes über die Kultivierung einer ganz besonderen Pflanze. Das ist Lebenskunst und Spiritualität in Reinform.
Gisela H. Kreglinger, The Spirituality of Wine, Eerdmans, Grand Rapids 2016, 282 Seiten.