Alle zwei Jahre fahre ich für vier Tage nach Würzburg, um dort auf der Alten Mainbrücke fränkischen Weißwein zu trinken (siehe den Post vom 12. Mai), vor allem aber um den Austausch mit Kollegen aus der christlichen Berater- und Psychotherapeutenszene zu pflegen. Die Leitung der APS hat diesmal bei der Auswahl des Themas für den diesjährigen Kongress ein besonders glückliches Händchen bewiesen. „Das Fremde“ hat sich in Gestalt der Flüchtenden in letzter Zeit ja stark ins kollektive Bewusstsein gedrängt und gerade in so manchen unseligen politischen Entwicklungen eine erschreckende Unfähigkeit im Umgang damit offenbart.
So war es hochinteressant, wie die Hauptredner des Kongresses den Begriff des Fremden in ihrem jeweiligen Fachbereich behandelten: Der Psychiater Samuel Pfeifer und der Psychiater und Philosoph Thomas Fuchs sprachen überwiegend über das Fremde in uns selbst, wie es uns in der Entwicklung der eigenen Identität begegnet und nicht zuletzt auch bei psychischen Erkrankungen eine Rolle spielt. Der Theologe Wilfried Härle hatte das Fremde in Gott zum Thema und sprach unter anderem über den „verborgenen Gott“ bei Luther und die Theodizeefrage.
Besonders spannend fand ich den Vortrag des katholischen Theologen Franz Gmainer-Pranzl über seine bei Bernhard Waldenfels entliehene These, dass die europäische Philosophie der Neuzeit von einer tendenziell fremdenfeindlichen Logik bestimmt sei. Er kritisiert zum Beispiel an Kants Aufklärungsbegriff, dass dieser mit der „Leitung eines anderen“ auch Impulse und Kritik von außen ausschließe. Deutlicher wird es noch bei Hegels „kolonialer Vernunft“ und dessen Auffassung von Fortschritt als der Ausbreitung europäischen Denkens – in diesem Geist bin schließlich auch ich selbst noch groß geworden. Typisch aber gerade heute der Versuch, Fremdheit durch Aneignung zu bewältigen. Gmainer-Pranzl fragt hier ganz zu Recht, warum das Fremde eigentlich vertraut werden soll. Soll es nicht vielmehr als permanente Herausforderung stehen bleiben?
Das Thema des Fremden konfrontiert uns immer auch mit der Frage nach der eigenen Identität. Auf den Punkt bringt es ein Satz von Wilfried Härle: „Je mehr ein Mensch eine innere Heimat hat, desto besser kann er sich dem Fremden zuwenden.“ Das ist reine Bindungstheorie: Je besser die Bindung, desto offener und neugieriger kann sich das Kind dem Neuen, Anderen, Fremden zuwenden. Dasselbe gilt auch für uns Große. Wo haben wir unsere Heimat?