Gethsemanekirche im Sommer 2017

Vergangenen Donnerstag war ich nach längerer Zeit mal wieder in der Gethsemanekirche. Von unserem Büro ist sie innerhalb einer Viertelstunde zu Fuß zu erreichen, ich mag ihr Inneres mit diesem interessanten abschüssigen Kirchenschiff, das wie eine geräumige friedliche Höhle in diesem quirligen Kiez liegt, und ich nehme gerne die Gelegenheit für eine Pause wahr, wenn ich einen langen Arbeitstag zu bewältigen habe.

Dieses Abendgebet galt allerdings nicht der inneren Einkehr. Es findet derzeit täglich um 18 Uhr dort statt, aufgrund eines sehr konkreten Anliegens. Den Namen Peter Steudtner habe ich, wie die meisten von uns, zum ersten Mal letzte Woche gehört, als die Meldung von seiner Inhaftierung in der Türkei durch die Medien ging. Erst ein paar Tage später erfuhr ich, dass er hier wohnt und aktives Mitglied der Gethsemanekirche ist. Damit kam zu meiner eher allgemeinen Empörung darüber, dass hier ein Mensch völlig grundlos seiner Freiheit beraubt wird, doch eine gewisse persönliche Betroffenheit hinzu: Das ist ja einer von uns.

Pfarrer Zeiske und den etwa dreißig Anwesenden in der Kirche war diese Betroffenheit und Beklemmung anzumerken. Man wartet auf Neuigkeiten vom Zustand dieses Menschen, der hier den meisten vertraut ist, und weiß doch auch nicht viel mehr, als in der Zeitung steht. Man hofft auf ein Wunder wie das von der wundersamen Befreiung des Petrus aus dem Gefängnis in Apostelgeschichte 12, das Pfarrer Zeiske vorliest und angenehm unkommentiert lässt. Aber man kann doch eines tun: man kann beten. Jeder darf eine Kerze anzünden. So ganz machtlos ist man dann doch nicht.

In dieser Kirche haben sie so ihre Erfahrungen damit, durch Gebet den Arm der Mächtigen zu bewegen. Mich fröstelt es noch immer bei den Berichten vom Herbst ’89, als die Menschen auch aus dieser Kirche nach draußen zogen, wohl wissend, dass von den Dachböden der umliegenden Häuser aus Maschinengewehre auf sie gerichtet waren. Für mich trägen Wessi sind diese Geschichten von dem Mut, den Glaube verleihen kann, auch irgendwie beschämend.

Mein eigener Donnerstag hatte denkbar schlecht begonnen. Mein Mann war in aller Frühe zu einer mehrtägigen Reise aufgebrochen, nur Minuten später ging im Kinderzimmer eine Fensterscheibe zu Bruch. Nach einem nervtötend langen Kitaweg mit unleidlichen Kindern kam ich dann endlich im Büro an, um einen langen, vollgepackten Arbeitstag zu beginnen. Und nun saß ich hier und betete mit für diesen Menschen, der sich vermutlich gerade nichts sehnlicher wünscht, als die Malheurs seiner Kinder beheben und seine Arbeit tun zu dürfen. Weil das die Dinge sind, die ein freier Mensch tut.

Es ist stets ein wesentlicher Aspekt des Gebets, dass es die eigene Perspektive zurechtrückt. Aber das ist längst nicht alles. Zu Wendezeiten war das Gebet die Waffe der Gewaltlosen, die sich schlussendlich als die stärkere erwies. Das gilt auch heute noch, man weiß das in der Gethsemanekirche. Ich bete und hoffe mit ihnen auf ein Wunder, oder auch einfach nur auf Einsicht bei den türkischen Oberen. Wobei das ja vielleicht derzeit dasselbe ist.

Und ich nehme dieses Wissen um die Stärke des Gebets mit. In letzter Zeit war mir das Wissen darum ein gutes Stück abhanden gekommen, irgendwie in Vergessenheit geraten wie andere alte Gewohnheiten, für die neben den Anforderungen des Alltags gerade keine Zeit mehr ist. Vielleicht ist es Zeit für einen Sinneswandel.

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