Was habe ich gelacht! Die ersten Kapitel voller Episoden, die an Monthy Pythons Life of Brian erinnern. Wie der kleine Franky aufgrund eigener Beobachtungen den Kreationismus anzweifelt und die Mutter mangels Argumenten mit dem Zorn des Vaters droht. Oder wie er den an zerebraler Lähmung leidenden Nachbarsjungen mithilfe eines Bechers Salatöl „heilen“ möchte. Oder wie er später als Filmemacher eine großartige Szene, eine Kamerafahrt um Michelangelos David, auf Wunsch des Produzenten schneiden und wegwerfen muss, weil dummerweise Davids Pimmel mit im Bild ist. Reichlich Stoff für einen sehr lustigen Film. Ich habe gut lachen, ich bin ja nicht in einer solchen Umgebung aufgewachsen.
Derjenige, der seine Kindheit und Jugend in dieser Realsatire verbracht hat, ist Frank Schaeffer, das vierte und jüngste Kind von Francis und Edith Schaeffer. Diese beiden gehörten (und gehören zumindest in den USA nach wie vor) zum Heiligenkanon der Evangelikalen. Sie hatten in den 50er Jahren in den Schweizer Bergen L’Abri gegründet, eine Lebens- und Studiengemeinschaft, die aus ihrem grenzenlos erweiterten Haushalt entstanden war. Francis Schaeffers großes Anliegen war es, das Christentum für die gegenwärtige europäische Kultur plausibel zu machen, und erlangte mit diesem Ansatz einige Berühmtheit. Die Schaeffers betrachteten es dabei als ihren Auftrag, alle und jeden in ihrem Haus willkommen zu heißen und sich vorbehaltlos auf jeden Menschen samt seinen Fragen, Zweifeln und Vorurteilen einzulassen. Hierfür besaßen beide zweifellos eine außerordentliche Begabung und für viele Menschen bewirkte die Begegnung mit ihnen tatsächlich eine positive Lebenswende. Auch ich selbst verdanke L’Abri eine sehr tiefgehende, dauerhaft nachwirkende positive Prägung. Aber dazu später.
Die Geschichte von L’Abri gibt es in zwei Versionen zu lesen: Edith Schaeffer schrieb in den Siebzigern ihren bekannten Klassiker „L’Abri“. In „Crazy for God“ erfahren wir nun die Geschichte aus der Perspektive des jüngsten Sohnes, und es ist eine andere Geschichte. Angesichts der für ein Missionarsehepaar reichlich unkonventionellen Eltern staunt man, einem Menschen zu begegnen, dessen Empfindungen – und hier hört der Spaß auf – denen vieler anderer Predigerkinder ähneln:
My life has been one of all-consuming faith – not my faith, but the faith of others that I seem to have caught like a disease … Every action, every thought, every moment I stumble into is judged by an inner voice … (S.5).
Die prägende Gestalt der Kindheit ist Edith, die Mutter. Selbst Missionarstochter, unendlich ehrgeizig und von sich selbst überzeugt. Laut Frank konnte trotz aller Bemühungen keine ihrer drei Töchter ihr das Wasser reichen. Frank versuchte es gar nicht erst.
Edith war es wohl, die dem kleinen Franky diesen „all-consuming faith“ einprägte, laut dem alles und jedes eine geistliche Komponente hatte. Frank sollte lange brauchen, um zu begreifen, dass seine Polio-Erkrankung als Zweijähriger nichts mit den Glaubenszweifeln zu tun hatte, die sein Vater zur selben Zeit durchmachte. Verstörend auch der Bericht, wie seine Mutter Gott darum anflehte, dass ihrem Kleinen eine bestimmte medizinische Behandlung erspart bleiben möge – statt einfach als Sorgeberechtigte ihre Zustimmung zu der Behandlung zu verweigern. Immer wieder stößt man auf seltsame Widersprüche im Leben und Handeln der Schaeffers. Ihre Offenheit für Kunst und Kultur, für die sie bekannt waren, war erstaunlich wenig in ihre Spiritualität integriert. So berichtet Frank von einer jungen Tänzerin, die in L’Abri zum Glauben gefunden hatte. Zur Feier ihrer Taufe tanzt sie auf dem Balkon eines Chalets Strawinskys Feuervogel – und verkündet anschließend, dass dies ihr letzter Tanz gewesen sei und sie nun ihr Leben allein der Sache Christi widme.
Dadurch, dass Frank 1952 als Nachzügler in die ersten turbulenten Jahre von L’Abri hineingeboren worden war, erfuhr er eine krasse Vernachlässigung, zumal seine Eltern überwiegend mit anderen Menschen beschäftigt waren. Als Amerikaner durften sie ihre Kinder zuhause unterrichten und unterlagen unfassbarerweise nicht einmal einer Nachweispflicht über die schulischen Leistungen des Jungen. Als er als Elfjähriger schließlich auf ein englisches Internat geschickt wurde, musste er sich von den dortigen Lehrern die Frage gefallen lassen, was er denn um Himmels willen all die Jahre getrieben hatte. Er schaffte nie einen regulären Schulabschluss.
Gleichzeitig lebte er in einer völlig entgrenzten Umgebung. Nicht nur, dass er sein Elternhaus mit unzähligen jungen Erwachsenen teilte, die sich stetig die Klinke in die Hand gaben. Auch seine Mutter verschonte den kleinen Jungen nicht mit Details aus dem Intimleben seiner Eltern. Überhaupt scheint Edith den kleinen Franky gerne als Zuflucht benutzt zu haben, wenn es mit Francis wieder schwierig war. Dass die Schaeffers eine eher stürmische Ehe führten, war bekannt; hinter den dünnen Holzwänden des Chalets blieb so etwas nicht verborgen. Francis war ebenso berüchtigt für seine Zornesausbrüche wie Edith für ihren krassen Egozentrismus. Frank entzog sich dem zunächst durch kindliche Eskapaden in die Nachbarschaft und später durch seine Internatszeit in England, die er in warmen Worten beschreibt, obwohl auch dort offenbar teils fragwürdige Erziehungsmethoden herrschten. Er schreibt:
I had grown up with the idea that God wanted me to be strange, perpetually weird, perpetually different. For the first time I encountered people like Mr. Parke who seemed to share my parents‘ evangelical faith but didn’t set themselves apart from the world. The thought that you could be a normal person and still believe was new to me (S. 181).
Nach seiner erfolglosen Schullaufbahn kehrte der junge Frank nach Huémoz zurück, verliebte sich in eine junge L’Abri-Studentin, war ein Jahr darauf im Alter von 18 Jahren Vater und – natürlich – verheiratet. (Es sollte trotz dieser Anfangsgeschichte eine glückliche, dauerhafte Ehe werden.) Er entdeckte gerade seine Leidenschaft fürs Malen und hatte darin auch erste Erfolge, als sein Vater ihn, sicher auch aus einem schlechten Gewissen heraus, als Sidekick in seinen Vorträgen und als Produzenten einer Filmserie über seine Ideen zur Kulturgeschichte engagierte. Es sollte die Sache werden, durch die Frank berühmt werden sollte und die ihm aber langfristig am meisten leid tun würde.
Doch welcher zwanzigjährige Schulabbrecher würde es ablehnen, ein voll ausgestattetes Büro mit mehreren Assistenten zu leiten und vor brechend vollen Stadthallen als „best speaker in America“ angekündigt zu werden? Frank hing seine Staffelei an den Nagel und begann, für seinen Vater diese Filme zu machen, die, man höre und staune, in den USA immer noch als Unterrichtsmaterial verwendet werden, und als Starredner der christlichen Rechten aufzutreten, die sich in den USA gerade politisch formierte. Doch die direkten Kontakte mit den führenden Personen und die bizarren Innenansichten dieser Szene ernüchterten ihn zusehends. Sein Vater schaffte es vor seinem Tod im Jahr 1984 nicht mehr, sich öffentlich davon zu distanzieren (Franks Beschreibungen legen nahe, dass er es getan hätte). Frank selbst fühlte sich in einer Falle gefangen: Er lehnte zutiefst ab, was er tat, sah aber keine Alternative, seine Familie zu ernähren. Schließlich hatte er weder einen Schulabschluss noch eine Ausbildung. Die evangelikale Welt überschüttete ihn mit Geld und Ruhm, weil er der Sohn seines Vaters war. Doch außerhalb dieser Welt war er quasi nicht lebensfähig.
Frank wagte dann doch den Ausstieg. Er nutzte seine Kontakte, um sich in Hollywood zu versuchen, drehte vier grottenschlechte Komödien und wurde schließlich aus Geldnot zum Ladendieb. Es waren vor allem zwei Dinge, die dann die Wende brachten: Er wechselte die Konfession und er begann zu schreiben.
Um 1990 konvertierte Frank zur Griechisch-Orthodoxen Kirche, einer Konfession, die den denkbar größten Gegensatz zu seiner calvinistisch geprägten Herkunft bildet: Hier steht nicht das Denken im Zentrum, sondern das Fühlen. Nachvollziehbar, dass die Orthodoxe Kirche mit ihrer uralten Liturgie und ihrem Reichtum an Bildern den bildenden Künstler anspricht. Und dass ihr völliger Verzicht auf jeglichen Missionseifer entspannend auf den Pastorensohn wirkt.
Etwa gleichzeitig entstand die Idee zu seinem ersten Roman: Portofino. In dieser komisch-bösen Geschichte einer Missionarsfamilie, die nach Europa zieht, ist mit nur wenig imaginativem Aufwand die Geschichte seiner eigenen Familie zu lesen. Die Veröffentlichung dieser Geschichte betrachtet er heute als seine Befreiung: Zum ersten Mal war er wirklich ehrlich. Es sollten noch weitere ähnliche Romane folgen.
Frank Schaeffer arbeitet heute als Maler und Schriftsteller. Er schreibt regelmäßig für die Huffington Post und diverse Printmedien. Zur Zeit engagiert er sich in der Anti-Trump-Bewegung – zumal er sich an dieser politischen Entwicklung nicht ganz unschuldig fühlt. Er hat gründlich aufgehört, jemanden darstellen zu wollen, der er nicht ist. Zwar wird er wohl ewig der Sohn seines Vaters bleiben und wird er auch öffentlich immer in Abgrenzung zu ihm wahrgenommen werden. Doch er geht inzwischen durchaus erfolgreich seinen ganz eigenen Weg.
Es ist eigentlich erstaunlich, dass eine Glaubensrichtung, in der die Lehre von der totalen Gefallenheit des Menschen eine so große Rolle spielt, solche Probleme mit der Ehrlichkeit hat. Aber es ist ein Motiv, das sich durch diese Lebensgeschichte hindurchzieht: Das Streben nach einer Art der Heiligung, die aus Unterdrückung oder schlicht öffentlicher Leugnung des eigenen Schweinehundes besteht. Der Vater Francis scheint das zwar mindestens ein Stück weit erkannt zu haben; Frank hatte dessen wachsende Abneigung gegen den evangelikalen Showbetrieb direkt erlebt. Berührend sind seine Beschreibungen der Ausflüge mit seinem Vater, wo er diesen als Mensch ohne geistliche Verpflichtungen erlebte. An solchen freien Tagen betete Francis nie vor dem Essen. Überhaupt, so Frank, wäre er wohl lieber Kunsthistoriker als Pastor geworden. Diese Ausflüge in die Berge oder die Museen von Florenz waren es, die Frank seinem Vater am meisten nahebrachten und die ihn wohl auch am meisten positiv geprägt haben.
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Ich selbst bin Frank Schaeffer nie persönlich begegnet. Als ich Mitte der Neunziger in L’Abri war, war Francis Schaeffer längst tot und die Schwiegersöhne komplett zerstritten. Doch John und Prisca Sandri waren noch Teil der Gemeinschaft, ebenso wie Jane Stuart Smith und Betty Carlson. Edith Schaeffer kam zwei oder drei Mal zu besonderen Anlässen vorbei, damals schon über 80, aber noch hellwach und voller Interesse für die anwesenden Studenten.
Ich fand das Buch sicher auch deswegen so lustig, weil mir nicht nur einige Personen, sondern auch alle Räumlichkeiten, die Wege und das Dorf Huémoz vertraut sind. Ich bin in dem Pool geschwommen, in dem Frank damals nachts heimlich mit Studentinnen anbandelte, und ich kenne auch das Apartment im Souterrain gut, in dem Frank zu Beginn seiner Ehe mit Frau und Kind wohnte.
Vieles hat sich allerdings verändert. Man hat in L’Abri dazugelernt. Den Mitarbeitern und ihren Familien wird heute ein klar abgegrenzter privater Bereich zugestanden und es gibt auch keine geistlichen Medaillen mehr für Künstler, die ihre Begabung in den Wind schießen. Theologisch hat man sich zwar für einen sehr konservativen Kurs entschieden, doch über die Beziehung zwischen Kunst/Kultur und Christentum ist seit Francis Schaeffers Zeiten konstruktiv weitergedacht worden. Insgesamt halte ich L’Abri für einen guten Ort, um sich mit der Wahrheit des Christentums auseinanderzusetzen. Denn in einer solchen Gemeinschaft bleiben die Schattenseiten eines Menschen nicht lange verborgen. Und der Umgang damit ist schlussendlich das, worum es im Christentum im Wesentlichen geht.
Siehe auch:
Frank Schaeffer: Crazy for God. How I Grew Up as One of The Elect, Helped Found The Religious Right, and Lived to Take All (or Almost All) of It Back, Carrol & Graf, Cambridge MA 2007.