Debora Sommer: Die leisen Weltveränderer

Debora Sommer hat mich gebeten, eine Rezension zu ihrem neuen, soeben erscheinenden Buch zu schreiben. It was a pleasure, Debora. Das Thema Introversion beschäftigt mich immerhin auch schon, seit ich denken kann.

 

 

Mir klingt vieles sehr vertraut, was in diesem Buch beschrieben wird: Man ist lieber im Museum als auf einer Party, beim Smalltalk fällt einem einfach nichts ein, nach dem Gemeindekaffee ist man erschöpft statt erbaut und überhaupt fühlt man sich irgendwie als Fremdkörper auf dieser Welt. Dabei hat man einfach nur andere Stärken, die es zu entdecken und zu entwickeln gilt.

Das Thema Introversion wurde erst in allerneuerster Zeit so richtig entdeckt und ich freue mich sehr, dass Debora Sommer es unternommen hat, ein Buch aus christlicher Sicht dazu zu schreiben. Dieses hat bisher noch gefehlt.

Debora Sommer hat dabei großen Mut bewiesen und ein sehr persönliches Buch geschrieben. Wir dürfen teilhaben an Tagebuchnotizen und kleinen Anekdoten über ihr Ringen mit dieser Charaktereigenschaft und einer Welt – insbesondere der Welt einer freikirchlichen Gemeinde – die oft ganz andere Qualitäten einfordert. Interessant ist hierbei, dass Debora Sommer keine Randfigur in der christlichen Welt ist, sondern promovierte Theologin, die in der Schweiz als Dozentin und Referentin auftritt. Ihre Offenheit in diesem Buch wird, so vermutet sie selbst, einige Verwunderung auslösen. Wer hätte gedacht, dass diese vermeintliche Vorzeigechristin sich in vielen Gemeindeveranstaltungen gar nicht wohlfühlt …?

Aus diesem gründlichen Nachdenken über sich selbst heraus hat Debora Sommer mithilfe von reichlich Literatur zum Thema (drei Seiten Literaturhinweise!) ein strukturiertes, fundiertes und dennoch leicht lesbares Buch entwickelt. Es ist passenderweise von „innen“ nach „außen“ aufgebaut: nach einem Grundsatzkapitel geht es um das Innenleben, das Alltagsleben, das Gemeindeleben und das Zukunftsleben des introvertierten Menschen. Stets geht es um die Entdeckung und Pflege der Stärken eines introvertierten Charakters. Die auf den ersten Blick etwas seltsame Titelgrafik mit den U-Booten dient dabei als zentrale Metapher in der Unterscheidung zu Extrovertierten („Schiffen“). Jedes Kapitel endet mit ein paar konkreten Denkanstößen für den Leser, die ich für mich selbst wie auch in der Beratung introvertierter Menschen gerne immer wieder heranziehen werde. Berührt bin ich auch von Deboras tiefer Spiritualität, aus der sie immer wieder Kraft zieht und die im Buch immer wieder durchscheint.

Besonders interessant finde ich z.B. auch die Ausführungen zu Introversion und Hochsensibilität, einem anderen Thema, das in den letzten Jahren zunehmend Beachtung gefunden hat. Es gibt hier zwar Überschneidungen – die meisten Hochsensiblen sind gleichzeitig introvertiert – dennoch handelt es sich hier um zwei grundlegend verschiedene Bereiche, wie Debora Sommer schlüssig ausführt.

Gespannt bin ich darauf, wie das Buch in der Gemeindewelt aufgenommen wird und welche konkreten Bewegungen es dort anstößt. Gerade die freikirchliche Welt ist ja nun einmal von einer eher extrovertierten Kultur geprägt, die es so manchen introvertierten Personen schwer macht, Anschluss zu finden, wodurch ein enormes Potenzial verschenkt wird. Debora Sommer hat in der Kirchengeschichte reichlich Beispiele gefunden, wie es auch anders aussehen kann. Die Aufgabe lautet nun, solche Anregungen ins 21. Jahrhundert zu übertragen.

Die introvertierte Person in mir fühlt sich nach der Lektüre angeregt, bestätigt und herausgefordert – und muss noch immer über ein paar von Deboras Anekdötchen schmunzeln.

 

Eine kleine Anmerkung noch: Das Lied Englishman in New York, das in Einleitung und Schluss dieses Buchs eine tragende Rolle spielt, hat Sting über einen Homosexuellen geschrieben. Das wäre dann nochmal ein ganz anderes Thema. Doch vielleicht ist ja der Gedanke, dass wir alle auf irgendeine Weise Aliens sind, auch hierfür ein ganz brauchbarer Ansatz.

 

Debora Sommer: Die leisen Wertveränderer. Von der Stärke introvertierter Christen, 336 Seiten, SCM Hänssler, Holzgerlingen 2018, ISBN 978-3-7751-5828-2.

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