In der Winterfrische

Kuren für Mütter ohne Kind gibt es auf Norderney, auf Juist oder in Oberstdorf, hatte mir die Dame von der Kurberatungsstelle mitgeteilt, letzten März war das. Und es wird wohl mindestens Dezember, bis Sie einen Platz kriegen.

Berge hatte ich im Winter oft genug gesehen, die Nordsee kannte ich vom Sommerurlaub auf Borkum, und dass es im Winter am Meer auch schön sein kann, hatte ich auf dem verschneiten Darß erlebt.

Juist besteht aus nicht viel mehr als einer sehr langen Sandbank. Das würde im Winter vermutlich sogar mir zu einsam.

Nun also Norderney, im Januar. Eine gute Wahl. Die Insel ist angenehm leer, viele Geschäfte und Restaurants sind geschlossen, die Strandbuden im Winterquartier, auf den Straßen erkennt man nach ein paar Tagen sogar Gesichter wieder. Keine Spur von dem Massentourismus, von dem die Insel im Sommer heimgesucht wird, bis zu 30.000 sollen es dann sein pro Tag. Jetzt sind es vielleicht 3.000.

Im Badehaus haben sie einmal sogar für mich allein das Wellenbad angemacht. Eine fantastisch angelegte Familienbadelandschaft mit Höhlen, Wasserfällen, Dampfstrahlern, Riesenrutsche (wenn meine Jungs hier wären…!) und halbstündlich Wellen. Ich hatte diese ganze riesige Wasserwelt für mich allein, was mir unverständlich war, da es ein ausgesprochen grauer Tag war und Baden gehen eine der wenigen Optionen.

Das Rätsel löste sich im Spa-Bereich. Dort waren sie alle, die Rentner und seltsamerweise auch die jungen Familien. Das scheint hier so zu sein, dass schon die Zweijährigen im Bademantel chillen. Für einen satten Aufpreis kann man hier in mehreren unterschiedlich temperierten Minibecken in aller Muße einschrumpeln. Das wird dann wohl zu den Dingen gehören, an denen ich in zwanzig oder dreißig Jahren Spaß haben werde. Doch das Salzwasser macht eine schöne Haut, das durchaus.

Das Conversationshaus schreibt sich tatsächlich mit C. Auf gediegen ist es in der Tat auch gemacht, das Kurhaus, das irgendein deutscher Kaiser hier im neoklassizistischen Stil hat hinstellen lassen. Das Innere wurde vor Kurzem auf angenehm schlichte Weise aufgefrischt, die Orangerie, der Hauptraum mit Café und Tourist Information, hat ein Glasdach und WLAN. Durch eine hohe weiße Tür gelangt man in den Lesesaal. Zu lesen gibt es hier ungefähr zwanzig regionale und überregionale Tages- und Wochenzeitungen in der aktuellen und der vorangegangenen Ausgabe. Man lässt sich dafür in einen der vielen schwarzen Sessel fallen, wenn man Glück hat, in einen am Kaminfeuer, das in der Mitte der Fensterfront brennt und regelmäßig von einem beflissenen Kammerdiener versorgt wird (wie soll man ihn sonst nennen?). Eigentlich fehlt nur der Duft von Pfeifenrauch, aber der ist hier vermutlich nicht erlaubt.

Sie haben auch Bücher. Eine Tür weiter geht es zur Bibliothek, zum schönsten Raum des Hauses. Dieselben hohen Fenster wie im Lesesaal, dazwischen hohe schwarze Regale, kleine Sessel, ein winziger Flügel (ist er wohl spielbar?), zur Linken eine komplette Wand voller Bücher mit Galerie, um alle zu erreichen. Und eine erstaunliche Bandbreite an Literatur – natürlich auch was die Qualität betrifft, jedoch erfreulich aktuell. Gleich mehrere Bücher sprangen mich an, die ich schon länger auf der Liste hatte. Welches ich schließlich ausgeliehen habe, wird man hier noch erfahren.

Aus den Cafés und Restaurants – jedenfalls denen, die ich gesehen habe – ist die Leuchtturm-und-Fischernetz-Ästhetik weitgehend verbannt. Einige wie die Milchbar machen auf klares Design, die Marienhöhe ist so eine Art Café Kranzler mit Meerblick, und in der Weißen Düne bemüht man sich, das Ausflugslokal auf Hipsterbar zu stylen. Bloß nicht aussehen wie der Ort, an dem schon deine Oma Urlaub gemacht hat. Seit ein paar Jahren gibt es auch eine kleine Kaffeerösterei und ein Brauhaus, das ein etwas plörriges Bier herstellt und mit dem sympathischen Spruch „Lokal trinken, global handeln“ wirbt.

Und dann noch das Theater. Auch gebaut von einem Kaiser oder einem Industriellen, egal, von jemandem mit viel Geld und einer Vorliebe für barocke Üppigkeit. Hier kann man in dunkelrotem Samt versinken und sich entweder eines der (im Winter eher seltenen) Gastspiele einer Theatertruppe ansehen oder einen der drei Filme, die hier bis in den Frühling hinein alle drei Wochen gezeigt werden. Das macht Sinn, zumal eine Kur normalerweise drei Wochen dauert. Ich habe also alle drei gesehen, immerhin einer davon war auch einer, den ich wirklich unbedingt sehen wollte.

Der Ort selbst ist eine aberwitzige Mischung aus Altbauten und 70er-Jahre-Albträumen, die Skyline vom Wasser aus so hässlich, dass ich sie vor Scham nicht fotografieren mochte. Die Betonfestung zum Weststrand hin ist zu entschuldigen, sie hindert das Meer daran, den Norderneyern ihre Häuser einzureißen und zum Oststrand zu befördern. Doch man denkt mit Grausen an eine Zeit, in der man solche Riesenkanister wie die Kurklinik der Deutschen Rentenversicherung als schön empfunden hat. Das überdimensionierte, nie ausgelastet gewesene Kongresshaus in der Ortsmitte soll immerhin bald abgerissen werden. Norderneys ICC, sozusagen.

Nun aber noch die Insel, die Dünen, der Strand, das Meer. Das Meer braust mächtig, aber es frisst dich nicht, auch wenn du bei 3 Grad Wassertemperatur hineinsteigst. (Ist nur nach Einweisung durch eine Klimareiztherapeutin und mindestens einer Woche Aufenthalt zu empfehlen.) Gegen den Wind empfiehlt sich eine Mütze auch für Leute, die immer dachten, sie hätten genug Haare auf dem Kopf, um ohne auszukommen. Spazierengehen soll man am besten möglichst dicht an der Wasserkante, damit die maritimen Aerosole die Atemwege freipusten. Auf den Wegen im Innern der Insel wähnt man sich in den schottischen Highlands. Nichts als kurzes Gras, Sanddorn und kümmerliche Krüppelbirken, und ein paar hohe Aussichtsdünen. Und das Allerbeste ist, nachmittags um fünf eine solche Aussichtsdüne in Reichweite zu haben, denn die untergehende Wintersonne explodiert in einen nie gesehenen Farbenrausch.

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