Lyndal Roper: Der Mensch Martin Luther

In den letzten Jahren wurde die Liste der dicken Sachbücher, an deren Lektüre mich die Kinder hinderten, immer länger. Umso mehr habe ich mich gefreut, während meines Kuraufenthalts auf Norderney in der dortigen Bibliothek die vielgepriesene Luther-Biographie von Lyndal Roper zu entdecken. Nachdem ich das Lutherjahr 2017 eher gleichgültig habe vorüberziehen lassen, hielt ich das für den richtigen Moment, um das nachzuholen.

Ich wurde nicht enttäuscht. Das Buch ist herausragend. Und es gehört sich zu erwähnen, bevor es wieder untergeht: Holger Fock und Sabine Müller haben sehr stilsicher und kenntnisreich übersetzt.

Lyndal Roper ist Religionshistorikerin in Oxford. Sie ist Australierin und steht dem Feminismus nahe, zudem ist sie ist die Tochter eines Mannes, der nach wenigen Dienstjahren als presbyterianischer Pastor aus der Kirche austrat. Man darf also voraussetzen, dass sie eine gesunde Distanz zu ihrem Thema hat und ihre Biographie nicht als Heiligenbildnis anlegen wird. „Ein klein wenig historische Entzauberung ist immer heilsam“, schreibt sie selbst in der Einleitung.

Roper hat zehn Jahre lang für dieses Buch recherchiert, mithilfe eines Heeres von Bibliothekaren und wissenschaftlichen Mitarbeitern die relevanten Archive durchkämmt und in Wittenberg und Umgebung jeden Stein umgedreht – stets auf der Suche nach dem, was den Menschen Martin Luther im Innersten angetrieben hat. Dies zu ergründen war vor allem durch die große Zahl der erhaltenen Briefe Luthers und der Antworten seiner Freunde und Widersacher möglich. „Luthers Briefe waren in der Absicht geschrieben, Dinge zu bewegen. Seine Irrtümer, Fehltritte, Selbstrechtfertigungen und seine Vorliebe für bestimmte Formulierungen verraten viel darüber, was ihn bewegte.“ Dabei hütet sich Roper stets vor allzu verstiegenen psychoanalytischen Deutungen.

Den Menschen Martin Luther lernen wir tatsächlich ebenso gründlich kennen wie seine Umgebung und die Menschen, die ihn von klein auf prägten. Wir erfahren viel über das Bergbauwesen in Mansfeld (warum ist eigentlich nicht Mansfeld Lutherstadt, nachdem ihn dieser Ort viel stärker geprägt hat als sein Geburtsort Eisleben?) und all die politischen und wirtschaftlichen Vorgänge, in die die Kirche stets unmittelbar verstrickt war. Wir erleben detailliert seinen Werdegang zum Mönch und erfahren viel über die Hintergründe und Nebengleise in allen spektakulären Ereignissen, die folgen sollten – so sehr, dass diese Ereignisse selbst fast in den Hintergrund treten. Ich selbst habe mit Erstaunen festgestellt, dass ich mir noch nie darüber Gedanken gemacht habe, wie weit Heidelberg und Augsburg von Wittenberg entfernt sind und dass die Reise dorthin im 16. Jahrhundert wochenlange Fußmärsche bedeutete (für die Reise nach Worms stellte ihm der Kurfürst immerhin eine Kutsche).

Überhaupt befasst sich Roper auffallend wenig mit dem Kerngedanken der Reformation, der Rechtfertigung aus Gnade. Viel ausführlicher beschreibt sie Luthers physische Abkehr von der Askese hin zu einer ausgeprägten Leiblichkeit und Wertschätzung der Sinnesfreuden aller Art, auch der Sexualität (auch der weiblichen!) – wobei diese befreite Leiblichkeit meines Erachtens durchaus als eine direkte Folge der Gnadenlehre aufgefasst werden kann. Schließlich hat Luther selbst in seinen Tischreden sein Turmerlebnis auf der Toilette lokalisiert. Ein noch direkterer Zusammenhang mit der Physis ist nun wirklich kaum denkbar.

In dieser Betonung der Körperlichkeit in der Theologie sieht Roper auch den Schlüssel zur Erklärung des großen Rätsels, weshalb eine theologische Detailfrage, die nach der Realpräsenz Christi im Abendmahl, zum trennenden Faktor der reformatorischen Bewegung werden konnte und diese an den Rand des Scheiterns brachte: Luther lehnte jegliche Trennung von Leib und Geist ab. Und da das Abendmahl dasjenige Glaubenselement war, mit dem jeder Gläubige unmittelbar in Berührung kam, weigerte er sich hier, irgendwelche Zugeständnisse zu machen, auch wenn seine Abendmahlslehre jeglichem Verstand zuwiderläuft.

In aller Breite wird auch Luthers Verhältnis zu Karlstadt mit allen seinen krassen Wendungen dargestellt, ebenso das zu Spalatin, Melanchthon und vielen anderen Weggefährten und Widersachern – manche wechselten ja quasi nahtlos vom Einen zum Anderen. Auch seine vielfältigen körperlichen und seelischen Gebrechen, die ihn lange vor seinem Tod schon fast bewegungsunfähig machten, werden ausführlich thematisiert. Von Luther selbst erfahren wir alles, was wir nie wissen wollten, über seine Hämorrhoiden, und Roper schreckt auch nicht davor zurück, hier ausführlich zu zitieren. Und wir erleben auch mit, wie seine Schriften in seinen letzten Lebensjahren einen immer abstoßenderen Ton annahmen. Besonders seine Hasstiraden auf die Juden sind in der Tat kaum erträglich. Diese lassen sich auch nicht durch den damaligen Zeitgeist relativieren, zumal auch seine Zeitgenossen über den Ton dieser Schriften entsetzt waren.

Das lässt uns mit der Frage zurück, welchen Anlass zum Feiern uns dieser widerwärtige Wüterich eigentlich geben sollte. Roper gibt auf den letzten Seiten ihres Buches Luthers einen Überblick über seine Lebensleistung: Sie beschreibt die lebensverändernde Wirkung auf viele Zeitgenossen, die Einrichtung einer Kirche, die ohne Klöster auskam und protestantische Dynastien erzeugte. Luthers Bibelübersetzung prägte die deutsche Sprache und ermöglichte es den Laien, die Bibel selbst zu lesen, förderte aber damit auch eine ganz neue akademische Beschäftigung mit der Interpretation der Bibel, die nicht mehr der Macht der Kleriker unterstand. Luthers positive Einstellung zu allem Körperlichen ist bemerkenswert. Insgesamt schreibt Roper: „Luthers außerordentliche Freimütigkeit, seine aufrichtige Bereitschaft, alles zu riskieren, und seine Fähigkeit, Gottes Gnade als ein Geschenk anzunehmen, das er nicht verdiente, sind die anziehendsten Merkmale seiner Persönlichkeit.“

Luther feiern zu wollen war vielleicht einfach der falsche Ansatz. Ich empfinde eher einen gewaltigen Respekt vor dieser unfassbaren Lebensleistung, durch die schließlich das ganze damalige Gesellschaftssystem aus den Angeln gehoben wurde und deren Nachwirkungen auch noch nach 500 Jahren unser Leben prägen. Dass dahinter auch nur ein Mensch steckte, noch dazu kein besonders heiliger, passt ja ganz wunderbar zur Kernaussage der Reformation von der sola gratia.

Lyndal Roper, Der Mensch Martin Luther, S. Fischer, Frankfurt/Main 2016, ISBN 978-3-10-066088-6.

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