In memoriam Tony Hodgson

inside Chapel at Little Gidding
aus T. S. Eliot, „Little Gidding“

Es ist jetzt genau zwei Jahre her, als mich völlig überraschend die Nachricht von Tonys Tod traf. Tony und Judith Hodgson waren sozusagen meine erste Andockstelle gewesen, nachdem ich mich nach dem Abi in die große weite Welt hinaus begeben hatte. Wir waren seither in Kontakt geblieben und ich bereite mich gerade darauf vor, Judith zu besuchen und Tonys Grab in Little Gidding zu sehen.

Ich habe damals spontan den folgenden Text geschrieben und so ähnlich auch Judith zukommen lassen. Und im Grunde war es diese Sache, die mich dazu bewegt hat, wieder mehr zu schreiben und in der Konsequenz auch diesen Blog zu starten. Es ist also durchaus angemessen, ihn hier auch endlich einzustellen – unverändert, aber mit einer aktuellen Ergänzung.

 

Ich bin traurig. Ich habe eine weitere große Vaterfigur in meinem Leben verloren. Tony Hodgson war streng genommen mein Boss, als ich nach dem Abi Volunteer in einem Jugendfreizeitheim der Church of England war. Daneben war er Pastor von Ilam und Blore, zwei Dörfern mit insgesamt vielleicht dreihundert Einwohnern. Ich kapierte bald, dass er diesen ruhigen Job nur machte, um daneben Zeit für seine wirklich wichtigen Dinge zu haben: Sein Engagement für den ländlichen Raum, Ökologie und Nachhaltigkeit (er führte dieses Freizeitheim schon damals nach ökologischen, fairen und regionalen Prinzipien, als außer ihm in England noch kein Mensch davon gehört hatte), eine reiche Spiritualität, in der er bruchlos neben griechisch-orthodoxer Liturgie die allerneuesten YWAM-Hypes unterbrachte, und vor allem ein offenes Haus und offene Ohren für Leute aus aller Welt, aus allen Schichten, junge, alte, brave, versponnene und alle dazwischen. So, wie er damals auch die reichlich orientierungslose neunzehnjährige Deutsche willkommen hieß, die keine Ahnung vom Kochen hatte und die nur froh war, endlich ihrem Zuhause entkommen zu sein. Und die in diesem gottverlassenen Nest durch ihn auf ganz neue Welten stieß.

Ich war fasziniert und werde es auch bleiben, von seiner unendlichen Gelassenheit und Freundlichkeit, von seiner aristokratischen, in Cambridge geschulten Feinsinnigkeit und von seiner nie endenden, auf alle Konventionen pfeifenden Neugier auf neue Menschen, neue Dinge, neue Entwicklungen. Nach seiner Pensionierung kehrte er zurück nach Ferrar House, Little Gidding, sein eigentliches Lebenswerk, und etablierte es als einen Ort für regen spirituellen und literarischen Austausch. In seinen späten Siebzigern begann er zu bloggen, vor vier Wochen wurden wir Facebook-Freunde, er engagierte sich gegen den Brexit. Letzten Montag erlag er einem Schlaganfall. Er war 81. Er hinterlässt eine großartige Frau und zwei Töchter in meinem Alter.

Ich bin traurig, dass ich es nicht mehr geschafft habe, ihm unsere drei Jungs zu präsentieren. Ich bin sicher, dass sie ihm mit allen ihren Sonderbarkeiten sehr gefallen hätten. Er hätte viel über sie gelacht, so wie er vermutlich auch über diese ganze meine Beschreibung gelacht hätte, und vermutlich wird es gerade dieses Lachen sein, was ich am meisten vermissen werde. –

Jetzt ist es wohl an uns, diesen Platz im Leben einzunehmen, den Menschen wie er hinterlassen. Mit solchen Vorbildern könnte es gelingen.

 

Jetzt ist es wohl an uns, diesen Platz im Leben einzunehmen.

Mir ist erst im Nachhinein aufgefallen, dass ich hier etwas geschrieben habe, was normalerweise eine reife emotionale Reaktion von Menschen auf den Verlust ihrer Eltern ist – dass der Stab an uns weitergereicht wurde und das Leben nun mit uns als der Elterngeneration weitergeht.

Als mein eigener Vater starb, war ich vierundzwanzig, spürte grenzenlose Erleichterung und sonst gar nichts, und gerade dieses Nichts war schwer auszuhalten. Dass ich jetzt über eine andere Person diese normale Empfindung sozusagen nachhole, verblüfft mich selbst. Es ist also möglich, dass über die Jahre hinweg, über andere Personen und neue Erfahrungen, ganz elementare Dinge in uns selbst zurechtgerückt werden können und dass wir dadurch mehr und mehr an Ganzheit gewinnen.

Ja. Doch. Es geht.

 

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