Es muss irgendwann Anfang der Nullerjahre gewesen sein, als mich eine alte Freundin anrief. Wir hatten in den Neunzigern zusammen in einer kleinen privaten Hochschule in einem Basler Vorort Theologie studiert und uns einige Jahre eine nette Altbauwohnung im Kleinbasel geteilt. Inzwischen war sie nach Hamburg und ich nach Berlin gezogen, wir waren lose in Kontakt geblieben. Nun rief sie mich an, weil sie mir etwas sagen wollte.
Sie wollte mir mitteilen, dass sie lesbisch ist und dass sie mit ihrer Freundin zusammengezogen ist. Es wurde ein langes Gespräch. Sie erzählte, wie ihr über die Jahre hinweg allmählich bewusst wurde, was sich eigentlich in ihr abspielte, was sie all die Zeit über verdrängt hatte, wie es dann irgendwann einfach klar und unausweichlich war und wie frei und glücklich sie sich jetzt endlich fühlte, da sie dazu stehen und ihre Orientierung offen leben konnte, jetzt, da sie endlich einen anderen Menschen – und damit auch sich selbst – lieben konnte.
Ich war nicht geschockt, das nicht. Ich hatte inzwischen an der FU und im Berliner Alltag schon einige homosexuelle Menschen kennengelernt und festgestellt, dass das, was ich im Studium und ganz allgemein in der evangelikalen Szene über Homosexuelle gelernt hatte, nicht viel mit der Wirklichkeit zu tun hatte. Theologisch konnte ich das noch nicht so recht einordnen, aber ich weiß noch, wie ich dachte: Wie dumm wir doch waren.
Es hätte eigentlich auf der Hand gelegen. Wie sie sich immer köstlich amüsierte, wenn ich von einem verunglückten Date nach Hause kam, weil sie selbst in diese Richtung überhaupt keine Ambitionen hatte. Wie wir dachten, dass sie einfach eine Stufe der Heiligung erreicht hatte, wo sie diesen Dingen enthoben war. Die Art, wie sie für eine ältere Studienkollegin schwärmte. Es wäre doch eigentlich klar gewesen. Wir waren bloß nicht in der Lage, es zu sehen, weil wir uns als Mitglieder dieser evangelikalen Kaderschmiede überhaupt nicht vorstellen konnten, etwas anderes zu sein als heterosexuell. Wie dumm wir doch waren.
Meine Freundin schickte mir Valeria Hincks Buch „Streitfall Liebe“, in dem mir zum ersten Mal eine andere Lesart des Themas Homosexualität begegnete, die ebenfalls einem evangelikalen Bibelverständnis entsprang. Ich musste mir eingestehen, dass der traditionelle Ansatz zum Thema nicht der einzige mögliche war. Hincks Ansatz hatte zwar ihre Schwachstellen, aber die hat die klassische Sichtweise auch. Es ist eben nicht so einfach, aus gerade mal sechs Bibelversen ethische Leitlinien von einer solchen Tragweite abzuleiten.
Der Kontakt zu meiner Freundin hat sich dann leider verloren, und ich habe sie auch in diesem Buch nicht wiedergefunden. Ihre Geschichte hätte gut hineingepasst. In „Nicht mehr schweigen“ erzählen 25 Personen – junge und auch ältere – ebendiese Geschichten, die man bisher sehr selten zu hören bekam, weil dafür einfach kein Raum vorgesehen war: über den Prozess, wie sie sich selbst klar wurden, dass sie homosexuell oder trans sind, und wie sie es schafften, sich endlich selbst anzunehmen und im besten Fall auch ihren Glauben an Gott zu behalten. Jede dieser Geschichten könnte ohne weiteres ein Buch für sich füllen: all die Selbstzweifel, das Unverständnis der Umwelt, die Ausgrenzung in der Gemeinde, die teils jahrzehntelangen Schulungen und Therapien mit dem Ziel, die eigene sexuelle Orientierung zu ändern, um endlich der „gottgefälligen“ Norm zu entsprechen, die Schuldgefühle, wenn das einfach nicht klappen wollte. In der Kondensierung auf wenige Seiten, wie es in diesem Buch der Fall ist, sind diese Geschichten stellenweise schwer auszuhalten. Ich musste das Buch zwischendurch mehrmals weglegen.
Man hat die Geschichten so offen und so zahlreich noch nie zu lesen bekommen. Dass wir es nun können, ist Timo Platte zu verdanken, der die Idee zu diesem Buchprojekt hatte. Es ließ sich zwar kein Verlag finden, der bereit gewesen wäre, sich hinter ein so kontroverses Projekt zu stellen. Aber wer braucht schon einen Verlag, seit es Books on Demand und Crowdfunding-Plattformen gibt, und wenn der Herausgeber von Beruf Grafikdesigner ist und sein Buch selbst layoutet (das übrigens sehr ansprechend). Über Startnext war die erste Auflage innerhalb von 48 Stunden finanziert und auch das zweite Fundingziel wurde weit übertroffen. Da wurde ganz offensichtlich ein Nerv getroffen.
Den 25 Berichten ist nur eine kurze Einleitung von Damaris Kofmehl vorangestellt, ansonsten bleiben sie unkommentiert. Es geht hier einzig und allein darum, zu zeigen, was ist. Die Diskussion darüber soll an anderer Stelle geführt werden, aber das Buch sorgt – hoffentlich – dafür, dass diese nun mit größerer Dringlichkeit geführt wird. Denn für eine Religion, zu deren Kernaussagen die bedingungslose Annahme jedes Menschen gehört, ist es ein Unding, dass einer gesamten, nicht mal so kleinen Personengruppe der Zugang zu ihr verbaut wird. Das kann nicht sein.
„Wer der Wirklichkeit eines menschlichen Schicksals nicht gerecht wird, weil er sich nicht genügend um ihre Wahrnehmung und um ihr Verständnis bemüht, hat das höchste Prinzip christlicher Ethik, die Liebe, schon im Ansatz verloren.“
Thorsten Dietz im Klappentext
Ich bin nun gewiss nicht der Meinung, dass der theologische Diskurs von gefühlten Wahrheiten bestimmt werden sollte. Es wäre zu einfach, im Namen der Nächstenliebe und politischen Korrektheit die ethischen und hermeneutischen Probleme einfach zu ignorieren. Ich habe mich an anderer Stelle schon mal detaillierter zu diesem Thema geäußert, deswegen hier nur ein paar grundsätzliche Thesen:
Man kann es pragmatisch betrachten: Wenn das Christentum für unseren Alltag relevant sein soll, müssen seine Aussagen in diesem Alltag umsetzbar sein. Ein Mensch, der feststellt, dass das nicht der Fall ist (weil ihn seine Homosexualität grundsätzlich von der Teilhabe an der Lehre und der Gemeinschaft des Christentums ausschließt), wird als Konsequenz diese Lehre in den Wind schießen, weil sie ihm für sein Leben nichts bringt. So haben es ja auch sehr viele Menschen schon gehandhabt.
Wenn wir aber als evangelikale Christen davon ausgehen, dass die Bibel nicht nur ein Leitfaden für ein gelungenes Leben, sondern das wahre Wort des ewigen Gottes ist, der unsere Welt erschaffen hat, dann müssen Lehre und Wirklichkeit einander entsprechen. Dann wäre es ein Widerspruch, dass Gott Menschen erschafft, die durch ihr Wesen vom Heil ausgeschlossen sind. Die Realität, wie sie uns in diesem Buch sehr deutlich begegnet, gibt uns also einen Hinweis darauf, dass die klassische Auslegung der berühmten sechs Bibelverse möglicherweise nicht ganz richtig ist. Und dass diese uralten Texte aus fremden Kulturen von uns auch mal falsch verstanden werden können, ist ein weiterer Grundsatz, der stets mitzudenken ist.
Ich bin zwar vom Thema gar nicht unmittelbar selbst betroffen, aber mir macht dieses Buch Mut. Die Art und Weise, wie viele dieser unendlich schwierigen Lebensgeschichten am Ende von Versöhnung oder wenigstens Hoffnung erzählen. Die Stärke der Menschen, die hinter diesen Geschichten stehen, lässt mich staunen. Und mich natürlich auch immer noch ein bisschen dafür schämen, wie dumm ich mal war.
Timo Platte (Hg.), Nicht mehr schweigen. Der lange Weg queerer Christinnen und Christen zu einem authentischen Leben, Pro Business, Berlin 2018, ISBN 978-3-96409-075-1, 18,95 €.
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