In den nächsten Wochen werde ich einige interessante Orte besuchen. Warum eigentlich nicht darüber schreiben?
Wer sich erst ein paar Wochen vorher überlegt, dass er das Himmelfahrtswochenende außerhalb der Stadt verbringen möchte, muss sich mit dem zufriedengeben, was noch zu haben ist. Die einzige Jugendherberge auf Rügen, die noch vier Betten frei hatte, war die in Prora.

Ist das wirklich ein Ort zum Urlaub machen? Diese gigantische, beklemmende Betonruine, die ich vor Jahren schon einmal mit leerem Blick abgelaufen bin, kilometerweit die gleichen fünf Etagen mit schwarzen Fensternischen, Graffitis und aus den Dächern wachsen Bäume … Will man an einem Ort Urlaub machen, an dem einst ein „nervenstarkes Herrenvolk“ gedeihen sollte und an dem später sogenannte Bausoldaten – die Wehrdienstverweigerer in der DDR – zum Gelöbnis gezwungen oder in Arrestzellen gesteckt wurden?
Diese gesamte Geschichte liegt hier offen zutage. Das ist auch gewollt. Das Dokumentationszentrum ist gleich nebenan und auch in der und um die Jugendherberge herum, die hier in den 90ern eingerichtet wurde, gibt es die eine oder andere Infotafel. Das macht den Ort natürlich zu einem idealen Ziel für Klassenfahrten – greifbares Anschauungsmaterial für die finstersten Kapitel deutscher Geschichte, und gleich daneben der weiße Ostseestrand.

Mich überkam durchaus ein leises Frösteln, als ich die Treppen hochstieg, über die vor gar nicht so langer Zeit die Bausoldaten getrieben wurden. Als ich durch die endlos langen Flure ging und eines der quadratischen Zimmer bezog, in denen einst die deutsche Idealfamilie „Kraft durch Freude“ sammeln sollte. Ich spürte aber auch deutlicher als sonst das Glück, heute als freier Mensch hier einfach nur ein paar Urlaubstage verbringen zu dürfen.
Die Jugendherberge ist am Ende eines der großen Blöcke angesiedelt. Außen und innen in freundlichem Weiß gehalten, freundlich sind auch die Mitarbeiter, das Publikum eher jung. Leute um die zwanzig oder Familien mit kleinen Kindern, unser Elfjähriger hätte sich vermutlich gelangweilt. Gut auch, dass wir schönes Wetter hatten. Für Schlechtwettertage gibt es ein einziges kleines Spielzimmer mit überdimensionierter Kletterburg und einem Bällebad, in dem gerade ziemlich Ebbe ist. Und das Essen – nun ja, erfüllt seinen Zweck, satt zu machen. Mittags isst man sowieso lieber in Binz ein Fischbrötchen. WLan kostet einen Euro die Stunde, Datenempfang gibt es keinen, was ja zwischendurch auch mal sehr entspannend sein kann. Um dann doch mal die Mails zu checken, geht man am besten auf den Parkplatz vor den Eigentumswohnungen.
Ja, die Eigentumswohnungen. Solche sind seit neuestem in einigen der benachbarten KdF-Blöcke entstanden. Dachterrassen und akkurat gestutzte Hecken um kleine Privatgärten, wie man sie von Berliner Neubauten kennt. Mir stößt diese Optik auch im Prenzlauer Berg unangenehm auf, in diesem ursprünglichen Arbeiterbezirk. Hier in Prora wirkt sie aber geradezu grotesk. Ich wundere mich nicht, dass einer der Investoren inzwischen pleite ist. Das Konzept funktioniert hier einfach nicht, trotz der idealen Strandlage. Zu erdrückend ist der Klotz mit seiner unseligen Geschichte.
Unseren Jungs ist das alles noch egal. Der Strand ist gleich vor der Tür, endloser feiner Sandstrand. Sie bauen Burgen und schauen fasziniert zu, wie die Flut sie allmählich wieder verschluckt. Sie sammeln Muscheln und Feuersteine. Sie spritzen sich nass und rennen an der Wasserkante entlang. Sie tun das, was Kinder tun, wenn sie am Meer sind. Ich überlasse sie gerne ihrem seligen Nichtwissen. Und beneide sie natürlich auch ein bisschen dafür.