Räume #2 Das Exerzitienhaus Himmelspforten in Würzburg

Himmelspforten KreuzgangEben waren es noch die lärmigen Flure einer Jugendherberge, jetzt gehe ich lautlos über dicken Teppichboden. Hinter den Türen links und rechts liegen fast ausschließlich Einzelzimmer. Das ist eher ungewöhnlich. Aber das hier war schließlich einst ein Kloster und dies waren die Zellen der Nonnen. In einem abgeschlossenen Teil der Anlage wohnen noch ein paar Karmelitinnen, das Hauptgebäude ist schon seit fast 100 Jahren Exerzitienhaus und Tagungszentrum.

Es ist ein ruhiges, klares und erstaunlich helles Gebäude. Die ursprüngliche, bis zu 700 Jahre alte Substanz wurde in den Sechzigern erweitert und gerade vor kurzem gründlich renoviert und behutsam umgebaut, wobei vor allem mit viel Glas gearbeitet wurde. An manchen Stellen hat man es gewagt, Wände zu durchbrechen und mit Fenstern zu versehen. So vermitteln die dicken Klostermauern vor allem eine freundliche Offenheit, Licht und eine Ahnung von Transzendenz. Genau das ist ja auch der Sinn dieser Räume.

IMG_20190607_083522

Für mich als evangelische Freikirchlerin ist es immer wieder so ungewohnt wie erfrischend zu erleben: das Gespür der Katholiken für Räume. Wo Gott in festen Räumen wohnt, da soll er sich wohlfühlen, und der Mensch ebenso. Natürlich möchte ich auf keinen Fall die protestantische Erkenntnis preisgeben, dass Gott eigentlich keine Räume für sich braucht, sondern in den kleinen schäbigen Tempeln unserer eigenen Leiber wohnt. Gott braucht ja im Grunde kein eigenes Gebäude.

Aber wir brauchen diese Räume. Ein Raum, der mir etwas von Größe, Schönheit, Frieden und Licht erzählt, zieht mich hinaus in eine Weite, die ich in mir selbst nicht finden würde. Ein solcher Raum kann mich tiefer ansprechen als die gesprochenen Worte einer Predigt, und er kann mich empfänglich machen für Dinge, die mich in meiner alltäglichen Umgebung nicht erreichen können, weil ich zu abgelenkt, zu hektisch, zu sehr mit Oberflächlichem beschäftigt bin. Hier tritt man direkt von der lauten, stark befahrenen Mainaustraße durch ein Tor in der Klostermauer hinein in eine andere Welt, in der andere Regeln gelten. Hier ist alles Stille, Konzentration, Klarheit. Das weiß man, sobald man eintritt. Der Raum sagt es dir.

Das ist uralte katholische Tradition: Räume zu schaffen, in denen der Mensch bei Gott zuhause sein kann. Faszinierend. Für mich Freikirchlerin ist es zusätzlich aber auch irgendwie schwer fassbar, dass eine Religionsgemeinschaft tatsächlich Geld wie Heu haben kann und beim Umsetzen ihrer schönen Ideen nicht den leisesten Gedanken ans Budget verschwenden muss. Die Protestantin in mir fragt sich natürlich, was es gekostet haben muss, dass die Sandsteinfenster mit ihren gotischen Ornamenten so makellos aussehen, als ob sie gerade letzte Woche vom Steinmetz geliefert wurden. Dass jedes der hundert Gästezimmer nicht nur mit einem schicken Bad, sondern auch mit einem Originalgemälde (!) ausgestattet ist. Ganz zu schweigen davon, was die Planung verschlungen haben muss – hier haben sich ja offensichtlich ein paar fähige Architekten eine Menge Gedanken gemacht.

IMG_20190607_130209

So eine Klosteranlage ist aber auch ein interessanter Funktionalbau für eine ganz bestimmte Lebensform: Menschen, die ihr Leben als Einzelne und doch gemeinsam auf Gott ausgerichtet leben. Im Zentrum steht immer eine von einem überdachten Säulengang (the cloisters!) umgebene Freifläche. Um die vier Seiten herum gruppieren sich auf sinnvolle Weise Kirchengebäude, Refektorium, Bibliothek, Wohnräume und Versammlungsräume. Es gibt Räume fürs Alleinsein, fürs Zusammensein, für die Muße an der frischen Luft – bei Sonne im Innenhof, bei Regen im Kreuzgang … So würde ich auch gerne wohnen. Warum nimmt man nicht eine solche Anlage als Muster für Neues Bauen? Als Beispiel für Häuser, in denen Menschen gerne wohnen? Die Zeiten sind doch eigentlich vorbei, in denen man ins Kloster gehen musste, um eine neue Form des Zusammenlebens zu finden.

https://www.himmelspforten.net/

Hinterlasse einen Kommentar