Jetzt auch noch einer von Hillsong. Wo man sich noch gar nicht von dem Schreck erholt hat, dass Joshua Harris vom Glauben abgefallen ist, der in den Neunzigern als evangelikaler Musterknabe galt. Jetzt also auch noch Marty Sampson, der Dichter etlicher Lieder, die wir im Gottesdienst gerne singen. Was ist da nur los?
Joshua Harris wurde in jungen Jahren mit seiner These berühmt, dass das Rezept für eine gelingende biblische Ehe sei, sich vor der Hochzeit möglichst nicht mal zu küssen. Sein Buch „Ungeküsst und doch kein Frosch“ war Ende der Neunziger in aller Munde. Jetzt hat er kurz nacheinander seine Scheidung bekanntgegeben und sich vom christlichen Glauben distanziert. Er schreibt, dass er seit Jahren Buße tue von seiner Selbstgerechtigkeit, seinen Lehren, die er verbreitet hat, und seiner Haltung gegenüber Frauen. Und explizit entschuldigt er sich auch bei der LGBTQ+-Community dafür, dass er zu deren Ausgrenzung in der Gemeinde beigetragen hat.
Marty Sampson ist nicht ganz so berühmt wie Harris und hat sich auch nicht ganz so ausführlich geäußert. Aber wenn ein Musiker, der in seinen Liedern Sätze geschrieben hat wie „He’s our rock solid hope“, jetzt sagt, dass sein Glaube auf „unglaublich wackeligem Grund“ stehe, dann schlägt das natürlich Wellen in der evangelikalen Szene.
Ich habe mich eben durch einige christlich-konservative Blogs gelesen und bin entsetzt darüber, was diesen Beiden nun an Dreck hinterhergeworfen wird. Von einem Leiter eines US-amerikanischen Seelsorgenetzwerks (!) ist zu lesen, es stehe ja schon in der Bibel, dass es in der Gemeinde schwarze Schafe geben werde, die andere verführen. Vergleiche mit Judas werden angestellt, Anzeichen im Leben dieser Leute gesucht, die darauf hindeuten sollen, dass sie sowieso nie Christen waren. Die treuen Gläubigen werden ersucht, sich von diesen gefallenen Vorbildern samt ihrem ketzerischen Denken fernzuhalten.
Aber was ist denn eigentlich passiert? Für mich stellt es sich so dar, dass hier einfach Menschen ihr Leben gelebt, ihre Erfahrungen gemacht und ihre Schlüsse daraus gezogen haben. Ihr früheres Gottesbild hat dem nicht standgehalten und die christliche Welt, in der sie sich befanden, hat ihnen für einen solchen Prozess keinen Raum gelassen, sodass ihnen keine andere Wahl blieb, als diese zu verlassen. Darin besteht für mich die eigentliche „Tragödie des Joshua Harris“, um die Überschrift zu zitieren, mit der Albert Mohler, Präsident des Southern Baptist Theological Seminary, seinen ausführlichen Artikel beginnt.
Dass sich die Gottesvorstellungen von Menschen im Lauf des Lebens ändern, weil sie schwierige Erfahrungen machen und auf Menschen oder Dinge treffen, die nicht in ihr bisheriges System passen, ist ein normaler, gesunder Prozess. Gerade heute, wo die Welt immer komplexer wird und man auf Themen und Phänomene stößt, die schwer in ein feststehendes Modell einzuordnen sind, sind allzu starre Glaubensauffassungen auf Dauer fast zwangsläufig zum Scheitern verurteilt.
Ist also alles im Fluss, gibt es nichts Festes mehr? Ja und nein. Die Texte der Bibel sind vorhanden und bleiben es auch. Diese lassen uns an sich aber schon unendlich viel Raum, Gott immer wieder von einer neuen Seite zu entdecken. Und das Nachdenken über diese Texte wird erst recht nicht aufhören, sondern muss von jeder Generation wieder neu betrieben werden. Insofern stimme ich Al Mohler durchaus zu, wenn er schreibt:
The only way we are going to be able to sustain … the truth of the gospel of Jesus Christ, is by serious biblical content, serious biblical knowledge, deep theology, apologetics, biblical theology, [and] a deep understanding and celebration of and embrace of the gospel of Jesus Christ.
Ich bin froh, zu einer Gemeinde zu gehören, in der ich auf dieser Grundlage zweifeln darf. Sogar auch mal von der Bühne herab. Ich bin froh, auf Leute zu treffen, die Dinge theologisch anders sehen als ich, und die Möglichkeit, mich an diesen zu reiben und mich selbst in Frage stellen zu lassen. Mehr Fragen zu haben als Antworten, aber auch nicht aufzuhören, zu fragen – darum geht es wohl. Und dennoch zu glauben. Weil Glauben mehr ist, als alle richtigen Antworten zu kennen.
Torsten Hebel war hier bei uns auch so ein evangelikaler Musterknabe, bis er 2015 ein Buch über seine Glaubenszweifel veröffentlichte. Die Dialoge in „Freischwimmer“ sind ein großer Wurf und ein guter Anfang in die richtige Richtung. So kann es gehen. Bleibt nur zu hoffen, dass auch Joshua und Marty solche Dialogpartner finden.