Intersexualität ist eigentlich kein Thema, das mich in irgendeiner Weise direkt betrifft. Meine eigene (bewusste) Erfahrung mit intersexuellen Personen beschränkt sich bisher auf ein inzwischen sechsjähriges Kind, mit dem unser Jüngster befreundet ist. Literarisch hat bei mir Jeffrey Eugenides‘ Middlesex Spuren hinterlassen. Ansonsten ist mein Interesse eher theoretischer Natur: In der theologischen Auseinandersetzung mit sexueller Diversität ist Intersexualität ein Phänomen, das immerhin über jeden Verdacht erhaben ist, die Betroffenen hätten es sich selbst ausgesucht. Insofern ist es vielleicht gar kein so schlechter Ansatzpunkt für die theoretische Diskussion. Wobei – wenn man von einem Prozentsatz von 0,2% Intersexuellen in der Gesamtbevölkerung ausgeht, müsste es statistisch im Dunstkreis unserer Gemeinde ein oder zwei solche Personen geben.
Die US-amerikanische Theologin Megan DeFranza hat sich in ihrer Doktorarbeit, die diesem Buch zugrunde liegt, mit dem Thema Intersexualität auseinandergesetzt. Für eine heterosexuelle Cis-Frau aus gut evangelikalem Hause war das jetzt kein wirklich naheliegendes Thema. Sie selbst gelangte über die Auseinandersetzung mit der Frauenfrage, der sie sich persönlich stellen musste, zu diesem Thema, über das bisher sehr wenig geschrieben wurde – wohl auch, weil es nun mal die klassisch evangelikale, binäre Sexualethik komplett in Frage stellt.
DeFranza beginnt mit einer ausführlichen Darstellung der medizinisch/anatomischen Fakten über Intersexualität. Diese kann ganz verschiedene Ursachen und Ausprägungen haben und fühlt sich für jeden Betroffenen anders an. Ich war erstaunt zu erfahren, dass es zwischen den einen und den anderen Organen tatsächlich einen fließenden Übergang gibt – und dass damit auch manchmal die Grenze etwas diffus ist, ab wann ein Mensch überhaupt als intersexuell gilt. Nichts für zarte Gemüter sind die Geschichten, wie bei intersexuellen Kindern gerne versucht wurde, das, was organisch nicht zu einem bestimmten Männer- bzw. Frauenbild passte, operativ passend zu machen. Seit den Neunzigern hat hier allerdings ein Umdenken eingesetzt.
Kapitel 2 enthält einen geschichtlichen Abriss über Intersexualität in der jüdisch-christlichen Welt, der deutlich macht, dass die Existenz intersexueller Menschen schon zu biblischen Zeiten sehr wohl wahrgenommen wurde und sie auch ihren Platz in der Gesellschaft hatten: nämlich als Eunuchen, die sogar von Jesus in Matthäus 19,11-12 wertschätzend erwähnt werden.
Darauf folgt eine sehr interessante Darstellung der theologischen Anthropologie der drei großen Epochen der Antike, der Moderne und der Postmoderne. DeFranzas These lautet, dass es in der Antike und auch noch bei den Kirchenvätern im Prinzip nur ein Geschlecht gab, nämlich das männliche, während das weibliche (und alles dazwischen) als eine Art mindere Form des Menschseins galt. Mit dem Beginn der Moderne, also über Luther, Calvin, Descartes, aber so richtig erst im 18. Jahrhundert mit der zunehmenden Gleichstellung der Frau entwickelte sich das binäre Modell der zwei ebenbürtigen Geschlechter – und verschwand der Zwischenraum, in dem sich Intersexuelle, Eunuchen, Kastraten hätten verorten können.
Mit dem postmodern turn wurde nicht nur dieses binäre Modell aufgebrochen, sondern auch die gesamte Anthropologie neu gedacht: Was ist der Mensch? Biologisch determiniert oder sozial konstruiert? Theologisch setzt DeFranza hier ihr zentrales Thema an: Der Mensch in Beziehung, zu Gott und zu seinen Mitmenschen, der Mensch als imago dei.
Dies ist das große Thema von Teil 2, in dem DeFranza sich zunächst theologisch am binären Modell der evangelikalen und katholischen Sexualethik abarbeitet, die sich in diesem Punkt gar nicht so sehr voneinander unterscheiden. Stellvertretend lässt sie hier als Evangelikalen den amerikanischen Theologen Stanley Grenz und auf katholischer Seite Papst Johannes Paul II zu Wort kommen. Ihre Antwort darauf eröffnet sie mit der Widerlegung der These, dass Intersexualität eine Folge des Sündenfalls sei, und einer Neubetrachtung der biblischen Schöpfungserzählungen: Adam und Eva seien keineswegs Prototypen für alle menschliche Interaktion, sondern bildeten nur den Anfang der Geschichte. Die gesamte Natur ebenso wie die Menschheit hat sich in einer Vielfalt entwickelt, die in den Schöpfungserzählungen nur in groben Zügen angelegt ist. Demzufolge sind Mann und Frau zueinander nicht die einzigen „Anderen“, sondern stehen paradigmatisch für viele andere Formen des Andersseins. Das biologische Mann- und Frausein muss dabei keineswegs aufgehoben, aber doch erweitert werden.
DeFranza kritisiert weiterhin die Darstellung sexueller Liebe als paradigmatischer Form menschlicher Liebe und Abbild der göttlichen Liebe. Wenn alle Liebe – sogar die göttliche – sexueller Art ist (wie es bei Grenz durchaus anklingt), dann wird es schwierig, hier zwischenmenschlich Grenzen zu ziehen. DeFranza nennt in diesem Zusammenhang ein paar nette aktuelle Beispiele für theologisch sanktionierte Polyamorie. Das kann es dann irgendwie auch nicht sein.
DeFranza legt Wert auf eine deutliche Grenze zwischen social und sexual und weist darauf hin, dass im Neuen Testament die vorrangige Analogie für Beziehungen innerhalb einer Gemeinde die der Geschwister ist. Hier zitiert sie interessante Thesen vom katholischen Theologen David Matzko McCarthy: unter anderem die, dass eine Ehe in sich noch gar nicht das Ideal christlicher Liebe beinhalte, sondern die (nichtsexuelle!) Ergänzung von außen zu einem „Haushalt“ brauche. Der Gedanke der Vereinigung zweier Hälften zu einem Ganzen sei nicht biblischen, sondern platonischen Ursprungs. Hier öffnen sich tatsächlich Perspektiven für Menschen aller Art, ihren Platz in einer Gemeinschaft zu finden. Denn sie werden als Ergänzung tatsächlich gebraucht.
Überhaupt sieht DeFranza das Thema Intersexualität nicht als Problem einzelner Personen, sondern als eines, das die gesamte Gemeinschaft betrifft: Finden wir gemeinsam einen Weg, Personen zu integrieren, die nicht in unser gewohntes System passen? Was bedeuten in diesem Zusammenhang Bibelstellen wie Galater 3,28 oder Römer 11,24, wo es heißt, dass auch wir Heiden „wider die Natur“ eingepfropft wurden? Kann diese Art der Gnade auch auf andere „widernatürliche“ Gruppen ausgedehnt werden? Hier weist sie auf Miroslav Volfs Buch Exclusion and Embrace hin, das ganz ähnliche Gedanken zum Thema hat, und auf die Notwendigkeit einer eschatologischen Perspektive, die mich selbst dazu anregt, Moltmanns Theologie der Hoffnung dann doch endlich mal zu lesen. Auch mir scheint, dass hier ein wesentlicher Schlüssel für die Beantwortung solcher Fragen liegt.
Es gibt natürlich auch Passagen, die ich weniger interessant finde. Spekulationen, ob Jesus womöglich selbst intersexuell war, um Intersexuellen einen direkten Bezug zur Person Jesus zu eröffnen, finde ich langweilig. Ich habe mich selbst ja auch noch nie daran gestört, dass Jesus in seiner irdischen Gestalt ein Mann war. Mag sein, dass es daran liegt, dass ich mit Brüdern groß geworden bin und schon mein Leben lang enge nichtsexuelle Beziehungen zu Personen des anderen Geschlechts pflege. Aber hier kann ich DeFranza nur zustimmen, dass Sexualität, welcher Art auch immer, in der Beziehung zu Gott und untereinander oft eine viel zu große Rolle zugeschrieben wird.
Insgesamt gefällt mir DeFranzas gedankliche Weite, mit der sie auch katholische und orthodoxe TheologInnen mit einbezieht (die Arbeit ist an einer katholischen Fakultät entstanden) und auch die Kirchenväter und mittelalterliche Theologie berücksichtigt. Da gibt es gerade für die evangelikal geprägte Theologin noch endlos viel zu entdecken. Somit nützt die Auseinandersetzung mit einem Thema wie diesem letztlich nicht nur der Integration von Menschen, die sonst außen vor bleiben würden, sondern eröffnet im Gegenzug mir selbst neue Wege, in diverse Richtungen weiterzudenken. Vielfalt bereichert eben.
Megan K. DeFranza, Sex Difference in Christian Theology. Male, Female, and Intersex in the Image of God, Eerdmans, Grand Rapids 2015.