Alexandre, vierzig Jahre alt, wohnt mit Frau und fünf wohlgeratenen Kindern in einer schönen Altbauwohnung in Lyon. Er hat einen soliden Bankjob und ist aktives Mitglied in seiner katholischen Kirchengemeinde. Auf den ersten Blick scheint seine Empörung rein rational zu sein, als er erfährt, dass ein Priester, von dem er vor dreißig Jahren missbraucht wurde, wieder in der Nähe Dienst tut und auch wieder Kontakt zu Kindern hat.
Der Film kommt direkt zur Sache und bleibt zwei Stunden lang konzentriert dabei. Wir erfahren, wie Alexandre sich einer Psychologin der Katholischen Kirche offenbart – dort wird klar, dass der Mann nur nach außen hin unversehrt wirkt. Wir sind bei seiner Begegnung mit dem Täter dabei, der zu keiner Empathie mit seinen damaligen Opfern in der Lage ist und diese durch sein Verhalten nur erneut verletzt. Alexandre erstattet Anzeige und sucht ebenso wie der beauftragte Polizeikommissar nach weiteren Opfern des Pater Preynat.
Unter anderem findet sich so François, der seine Geschichte nicht nur dem Kommissar, sondern auch gleich sämtlichen Medien anvertraut und gemeinsam mit einem weiteren Betroffenen den Verein La parole liberee gründet, um das Schweigen endgültig zu brechen. Der Wunsch, den Pater und dessen Vorgesetzten vor Gericht zu bringen, drängt die Gruppe dazu, Betroffene zu finden und zum Reden zu bringen, deren Missbrauch noch nicht verjährt ist. Dabei kommt es unter anderem zu einer Begegnung mit einem jungen Mann, der diesem Druck nicht gewachsen ist. Er ist mit Anfang dreißig einfach noch nicht so weit, dass er darüber reden kann.
Wir lernen schließlich auch Emmanuel kennen, den fragilsten der Protagonisten, bei dem der Missbrauch auch körperliche Spuren hinterlassen hat, der aber in einer anrührenden Szene besonders in der Lage ist, Trost zu spenden. Denn das nach Jahrzehnten endlich gebrochene Schweigen wirbelt auch im Umfeld der Männer ordentlich Staub auf. Paare und Familien ächzen unter der zeitlichen und emotionalen Belastung, Weihnachtsessen werden gesprengt und Eltern ringen mit ihrer eigenen Verantwortung. Der zuständige Kardinal Barbarin wirkt ehrlich betroffen und gelobt Aufklärung, deckt aber letztlich doch seinen Untergebenen. Kein Wunder, kann Alexandre am Ende über die Frage seines Sohnes, ob er denn noch an Gott glaube, nur noch müde lächeln.
Bei Fertigstellung des Films, der Anfang des Jahres auf der Berlinale den Silbernen Bären gewann, liefen noch die Gerichtsverfahren gegen die realen Pater Preynat und Kardinal Barbarin (François Ozon hat tatsächlich die Klarnamen verwendet). In beiden Fällen ist auch heute noch kein abschließendes Urteil gesprochen worden. Die Protagonisten des Films sind fiktive Charaktere, die Dialoge aber in weiten Teilen den Originaldokumenten entnommen. Das macht den Film zu so etwas wie einem Lehrstück über die Folgen systematischen sexuellen Missbrauchs – den es beileibe nicht nur in der Katholischen Kirche gibt, sondern auch in protestantischen und nicht zu knapp auch in evangelikalen Kreisen. So ist der Satz „Gott sei Dank ist das alles verjährt“, auf den sich der Filmtitel bezieht, so ähnlich wohl auch letztes Jahr in der Leitung einer nicht ganz unbekannten christlichen Medienanstalt gefallen; siehe meinen Post vom 30. November 2018.
In den letzten Jahren ist hier – Gott sei Dank – viel in Bewegung gekommen und haben die großen Denominationen und Gemeindebünde Strategien und Richtlinien entwickelt, um sexuellen Missbrauch in der eigenen Kinder- und Jugendarbeit zu verhindern. Das Böse ist damit nicht vollständig gebannt, aber doch hoffentlich in deutliche Schranken verwiesen. Bleibt noch die Aufarbeitung der Geschichte, was noch eine unendliche und unendlich mühsame Geschichte sein wird. In dieser Hinsicht leistet dieser Film Großartiges, indem er eine Mut machende Geschichte von starken Personen erzählt, die es wagen, laut zu werden und sich mit einer übermächtigen Institution anzulegen, weil sie merken, dass sie viele sind und dass sie ein Anrecht darauf haben, so etwas wie Gerechtigkeit zugesprochen zu bekommen. Es wird deutlich, wie unterschiedlich Menschen mit einer Missbrauchserfahrung umgehen – manche bekommen ihr Leben relativ gut auf die Reihe, andere scheitern immer wieder aufs Neue. Manche schaffen es nach Jahren, darüber zu sprechen. Einer muss die ganze Welt daran teilhaben lassen, viele andere fühlen sich aber außerstande, ihr Erleben in Worte zu fassen. Deutlich wird aber, dass Reden hilft. Vorausgesetzt, man tut es vor qualifizierten Leuten.
Der Film ist außerdem angenehm diskret. Die Rückblenden auf die fatalen Pfadfinderlager beschränken sich auf unheilvolle Blicke und Gesten. Den eigentlichen Missbrauch wollte Ozon nicht filmen. Das wäre auch gar nicht nötig gewesen, denn darüber erfährt man aus den Dialogen schon genug. Diese sind stellenweise schwer erträglich, vermitteln aber immerhin, dass es möglich ist, diese Dinge auszusprechen, ohne dass die Welt einstürzt. Das direkte Umfeld mag dadurch sehr in Aufruhr geraten, doch es ist eine heilsame Unruhe: Die Person, die von Emmanuel getröstet wird, ist Alexandres Frau, die es endlich schafft auszusprechen, dass auch sie missbraucht wurde.