Die Sonne taucht erst spät auf, als ob auch die Sonne im Urlaub ist. Auf dem Feld gegenüber springen die Ziegen ins Freie. Unten auf der Straße zieht laut blökend eine Herde von Schafen vorbei – die werden doch nicht auf unseren Mietwagen … Nein, tun sie nicht. Die beiden Hunde haben ihre Herde im Griff.
Wir schneiden das Baguette auf, das wir tags zuvor im Nachbardorf gekauft haben, und essen es mit Käse, Räucherschinken und einer Art katalanischen Landjägern, die es im Spar offen zu kaufen gibt. Nach den Schafen ist es still im Dorf, nur Vögel sind zu hören und ab und zu ein Geländewagen, der zur benachbarten Eselfarm möchte. Die Einheimischen sind längst arbeiten gegangen, die Kinder in der Schule. Hier hat man eben keine Herbstferien.

Die Sonne lacht auf das Dorf, die Hügel mit den Korkeichen, die von Zypressen umgebenen Villen und die Terrasse unserer Ferienwohnung. Draußen finden wir Feigenbäume, Olivenbäume, einen Granatapfelbaum und viele Feigenkakteen. Ahnungslos greifen wir nach deren Früchten und fluchen über die unzähligen feinen Stacheln in unseren Fingern. Gespannt schneiden wir eine Kaktusfeige auf, werden aber enttäuscht – die Frucht ist nicht nur schwierig zu halten, sondern auch noch fade im Geschmack. Dann schon lieber ein Granatapfel mit seinen tausend säuerlichen Kernen im glibbrigen roten Saft. Interessant sind auch die Steine überall, der Schiefer, der in immer neue Formen bricht. Die Kinder sehen darin Pfeile, Hämmer, Pizzastücke. Die Hunde und Katzen des Dorfes werden ihre Freunde. Am späteren Nachmittag kommen die Dorfkinder aus der Schule nach Hause, dann wird auf dem Dorfplatz an der Kirche Fußball gespielt. Die Regeln sind in jeder Sprache dieselbe, und dass man einen Ball, der in die Schlucht gefallen ist, von dort wieder raufholen muss, ist auch klar, ohne dass man drüber reden muss. Auch ohne gemeinsame Sprache verstehen sich die Jungs bestens.

Vor vierzig Jahren stieß ein junger deutscher Architekt namens Gerd Böttcher auf das fast völlig ausgestorbene Dorf kurz vor der spanischen Grenze. Er kaufte eine Ruine nach der anderen und baute sie wieder auf, im Ganzen fünf Häuser gehören heute seinen beiden Söhnen, die sie weiter vermieten. Unser Haus ist das letzte und größte, einst als Seminarhaus gedacht, nun werden die kleinen Wohneinheiten einzeln vermietet. Wir bewohnen das Dachgeschoss mit der großen Terrasse.
Es gibt einen alten Dorfkern mit einer kleinen Kirche, in der keine Gottesdienste mehr stattfinden, und einem Rathaus. Unterhalb des ursprüngliches Dorfes ist in den letzten Jahren ein größeres Neubaugebiet entstanden, doch hier oben wähnt man sich der Welt entrückt, wenn man nach rechts über die Ebene bis fast ans Meer, nach links auf den Gipfel des Canigou und über sich nur noch in den überirdisch blauen Himmel blickt.
Tordères liegt ungefähr auf halbem Weg zwischen Perpignan und den ersten hohen Pyrenäengipfeln. Das Roussillon hat geographisch und kulturell einiges zu bieten. Auch wenn man Katharerburgen, Kunstgalerien und Restaurants der Kinder wegen ausfallen lässt, gibt es gerade für Kinder reichlich Dinge zu entdecken: in der Natur riesige Agaven, uralte Weinstöcke und allerlei mediterrane Vegetation, in den Städten und Dörfern enge Gassen und Schilder in zwei verschiedenen Sprachen. Das Katalanische ist hier allgegenwärtig, und so wanderten meine Gedanken des Öfteren hinüber zu den Katalanen jenseits der spanischen Grenze, die gerade wieder Tage des Zorns erlebten.
Interessant für die Kinder war natürlich auch der Ort, der heißt wie eines ihrer liebsten Brettspiele. Die Cité de Carcassonne ist allerdings auch schon zu sehr Disneyland, um noch wirklich spannend zu sein (was mag hier wohl erst im Hochsommer los sein?).
Und dann gibt es hier natürlich das Meer. Jetzt im Oktober waren wir hier die einzigen, die noch in kurzen Hosen herumliefen, und sogar die einzigen, die in St-Cyprien-Plage ins Wasser sprangen. Die Ferienappartements lagen verlassen da, die Touristenläden waren geschlossen, die Parkplätze leer. Die Sonne lachte bei über 20 Grad und wir hatten den Strand für uns. Was will man mehr?
Der Herbst ist die ideale Zeit, um in Südfrankreich zu sein. Die Temperaturen sind angenehm, das Meer noch warm genug zum Baden und die Touristenströme vorbei. Wir würden also gerne wiederkommen. Vielleicht dann auch einmal ohne Kinder. Dann würden wir uns ein Quartier in Cérét suchen, dem hübschesten Städtchen in der Gegend. Wir würden in den Cafés zwischen den riesigen Platanen sitzen, in aller Ruhe die Picassos und Cezannes im dortigen Kunstmuseum betrachten und uns abends südfranzösisch bekochen lassen. Man wird ja wohl noch träumen dürfen.
P.S.: Etwas gewöhnungsbedürftig war für uns die Abhängigkeit vom Auto. Bis Perpignan kommt man problemlos mit dem Zug, doch dann geht es wirklich nur noch per Auto weiter. Und da es in Tordères keinen einzigen Laden gibt, war schon jeder Einkauf mit einer Autofahrt verbunden. Die Chauffeuse der Familie hat auch Fahrten über sandige Bergstrecken bravourös gemeistert, aber es ist schon frappierend, wie viel Zeit und Nerven es kostet, Straßenkarten zu konsultieren, Parkplätze zu finden, Kinder mit Druck auf der Blase unbestimmt zu vertrösten … Zumal ich es sonst gewohnt bin, von einem öffentlichen Verkehrsmittel dahin befördert zu werden, wo ich hinwill, während ich in aller Muße die Landschaft betrachten oder die Kinder bespaßen kann, finde ich Autos wirklich eine unpraktische Erfindung.
P.P.S.: Näheres zu unserer Anreise: Mit dem Zug von Basel (Oma) in 9 Stunden bis Perpignan, Interrail-Tickets für 3 beliebige Tage, für Hin- und Rückfahrt und den Ausflug nach Carcassonne. Achtung: TGVs und InterCitys sind reservierungspflichtig. Möglichst 3 Monate im Voraus buchen.

https://www.tramontane.eu/index.html
Diese Ferienwohnungen werden in absehbarer Zeit in feste Mietwohnungen umgewandelt. Felix Böttcher verweist aber gerne an seinen Bruder, der im Dorf mehrere Ferienwohnungen verwaltet.