Seltsam, dass es manchmal Dinge gibt, die direkt vor der Nase liegen und auf die man trotzdem erst gestoßen werden muss. So ging es mir dieses Jahr mit der Ehe für alle.
Ich habe es als freie Theologin bisher abgelehnt, mich außerhalb meines Freundeskreises für Trauungen engagieren zu lassen. Ich möchte nicht als frommer Dekoartikel gebucht werden. Leute, denen es mit dem Versprechen vor Gott ernst ist, haben ja in der Regel eine Gemeinde und das dazu gehörende Pfarrpersonal. Dachte ich.
Dabei hätte mir doch längst klar sein sollen, dass das nicht unbedingt der Fall ist. Es gibt so einige Leute, die Christen sind, aber aus den verschiedensten Gründen keine feste Gemeinde haben. Und dann gibt es noch eine ganze Reihe freikirchlicher Christen, die größte Schwierigkeiten haben, überhaupt eine Person zu finden, die bereit ist, ihre Ehe zu segnen – weil sie einen Partner gleichen Geschlechts heiraten wollen und weil genau dieses Thema in evangelikalen Kreisen weithin zum Kriterium der Rechtgläubigkeit geworden ist, sodass auch Pastoren, die dem Ganzen eigentlich recht offen gegenüberstehen, zögern, dafür Krach in der Gemeinde und womöglich auch ihren Job zu riskieren.
Das Thema Homosexualität und Ehe für alle hat dieses Jahr Wellen geschlagen wie nie zuvor. Dazu haben mehrere Dinge beigetragen: die Öffnung der einzelnen Gliedkirchen der EKD für die Trauung für alle, der Streit innerhalb der Methodistischen Kirche darüber, ein Positionspapier der Bundesleitung der FEG, zu denen auch meine Gemeinde gehört, und nicht zuletzt auch Timo Plattes Buch Nicht mehr schweigen, das ich Anfang des Jahres ganz ahnungslos hier besprochen habe.
Ahnungslos deswegen, weil ich damals tatsächlich nicht wusste, dass einer der Autoren dieses Buches in meiner eigenen Gemeinde sitzt. Wir sind inzwischen Freunde geworden und ich habe mich gerne bereit erklärt, nächstes Jahr die Trauung für ihn und seinen Partner zu halten. Den Pastoren unseres Gemeindebundes ist derlei nicht gestattet, und so habe ich mich entschlossen, meine Freiheit als Selbstständige dafür zu nutzen, auch homosexuellen Paaren die Möglichkeit zu geben, ihre Ehe unter den Segen Gottes zu stellen. Ich bin bei keinem Gemeindebund angestellt und habe deshalb auch keine arbeitsrechtlichen Konsequenzen zu fürchten. Und was gibt es Schöneres als dabei zu sein, wie zwei Menschen sich gegenseitig Treue versprechen, und diesen den Segen Gottes zuzusprechen?
Wer sich das wünscht, darf mich also ab sofort für freie Trauungen buchen. Genaueres wird demnächst auf www.mehrlicht.berlin zu finden sein. Zunächst so viel: Das Honorar werde ich anfangs eher niedrig ansetzen, zumal ich noch dabei bin, Erfahrungen zu sammeln. Ich bin auch gerne bereit, mich in den Zug zu setzen und durch Deutschland zu fahren. Und selbstverständlich gilt das alles auch für gemischtgeschlechtliche Paare. Es gibt schließlich noch weitere nachvollziehbare Gründe, warum Menschen keine feste Gemeinde haben.