John Boswell: Christianity, Social Tolerance, and Homosexuality

Warum in aller Welt bespreche ich jetzt ein Buch, das vierzig Jahre alt ist?

Weil es nötig ist. Dieses Buch war eines der ersten zum Thema Homosexualität und Christentum, es hat damals in der englischsprachigen Welt einigen Staub aufgewirbelt, wurde hierzulande immerhin in der landeskirchlichen akademischen Welt zur Kenntnis genommen, nur innerhalb freikirchlicher Kreise war es offensichtlich zuviel verlangt, das Buch eines schwulen Katholiken zur Hand zu nehmen. Ich selbst ärgere mich, dass ich erst jetzt auf dieses Buch gestoßen bin, nachdem mir seit einigen Jahren schon die Frage im Kopf dreht, ob unsere althergebrachte „bibeltreue“ Auslegung der Stellen im Pentateuch und den Paulusbriefen nicht arg von kulturellen Vorverständnissen geprägt ist. Hier bei Boswell wäre es längst nachzulesen gewesen. Seine These lautet zusammengefasst: Die im heutigen Christentum gängige ablehnende Haltung gegenüber Homosexualität hat ihren Ursprung weder in der biblischen Botschaft noch in der christlichen Tradition, sondern geht auf den Einfluss der umgebenden Kultur zurück.

Hostility to gay people provides singularly revealing examples of the confusion of religious beliefs with popular prejudice.

S. 5f

John Boswell war 33, als er 1980 dieses Buch vorlegte. Damals war er bereits Yale-Professor für Mediävistik und beherrschte ein Dutzend alte und neue Sprachen. In dieses Buch, das sein Hauptwerk werden sollte, hatte er zehn Jahre Forschung in den USA und Europa investiert. Er wollte damit, so das Vorwort, einen Beitrag zum besseren Verständnis der Sozialgeschichte des Mittelalters leisten und gleichzeitig auch eine Fallstudie zur geschichtlichen Macht der Intoleranz liefern. Zumal Boswell selbst schwul war, lag ihm dieses Thema natürlich nahe. Diese persönliche Haltung macht seine Thesen zwangsläufig angreifbar. Andererseits nimmt er dadurch aber auch Untertöne in den alten Manuskripten wahr, über die zum Beispiel ich selbst auch dann naiv hinweglesen würde, wenn meine Lateinkenntnisse an sich ausreichen würden (tun sie nicht).

Boswell beginnt seinen Gang durch die Geschichte im Alten Rom. Im römischen Kaiserreich sieht er die base period der Schwulentoleranz. (Er verwendet durchgängig den reichlich unakademischen Begriff gay, zumal der Begriff „homosexuell“ erst im späten 19. Jahrhundert geprägt wurde. Diesen Anachronismus will er vermeiden.) Interessanterweise beobachtet er ab dem 3. Jahrhundert einen deutlichen Rückgang an schwuler Literatur – entgegen der weitverbreiteten Vorstellung, das römische Reich sei am Verfall der Sitten zugrunde gegangen.

Since Christianity was the official religion of the Roman Empire from the fourth century on … it became the conduit through which the narrower morality of the later Empire reached Europe. It was not, however, the author of this morality.

S. 127f

Das Kapitel über den biblischen Befund ist wohl das, das am ehesten Eingang in den allgemeinen Diskurs gefunden hat: Dass die Geschichte von Sodom, die mosaischen Reinheitsgebote und die paulinischen Aussagen nichts mit dem zu tun haben, was wir heute unter Homosexualität verstehen. Den griechischen Begriffen malakoi und arsenokoitai widmet er im Anhang eine ausführliche lexikalische Studie.

Besonders interessant ist dann aber seine Darstellung der Entwicklungen im frühen Mittelalter: Dadurch, dass die großen Städte an Einfluss verloren und eine starke Ruralisierung einsetzte und sich gleichzeitig politisch der Absolutismus und damit einhergehend eine Einschränkung der bürgerlichen Freiheit durchsetzte, wurden die moralischen Grenzen enger gezogen. Im Jahr 342 wurden schließlich von staatlicher Seite gleichgeschlechtliche Ehen verboten. Eine vergleichbare Äußerung von kirchlicher Seite ist allerdings erst im Jahr 1179 im 3. Laterankonzil zu finden, etwa zur gleichen Zeit findet sich (bei Petrus Cantor) zum ersten Mal eine Auflistung der Bibelstellen, anhand derer bis heute die Ablehnung von Homosexualität begründet wird. Davor wurden diese Texte ganz offensichtlich anders verstanden. Den Grund für die ablehnende Haltung der Kirchenväter sieht Boswell eher in apokryphen Schriften wie dem Barnabasbrief und einer generellen negativen Einstellung zur Sexualität. Ganz allgemein findet er es aber höchst auffällig, wie wenig Raum diese Frage dort insgesamt einnimmt.

How can a dichotomy so obvious to modern society, so morally troublesome, so urgent in the lives of many individuals, have been unknown in societies where homosexual behavior was even more familiar than it is today?

S. 58

Aus dem frühen und Hochmittelalter hat Boswell eine Überfülle an Material zusammengetragen, das zuweilen ganz amüsant, in seinem Umfang aber auch ermüdend zu lesen ist. Es ist nun aber auch gar nicht nötig, jedes lateinische Liebesgedicht in seiner ganzen Tiefe zu durchdringen, der Punkt wird auf jeden Fall deutlich: Im Hochmittelalter galten Liebesbeziehungen zwischen Klerikern als etwas vollkommen Normales. Erst im 13. und 14. Jahrhundert setzte hier wieder eine Veränderung ein. Wieder kamen zunehmend absolutistische Herrscher an die Macht. In der Theologie versuchte man zunehmend, die Lehre zu systematisieren – es entstanden die summae, der Begriff der Häresie gewann an Bedeutung, und durch die Kreuzzüge entstanden die Feindbilder der Juden, der Muslime und der Homosexuellen (die beiden letzteren wurden oft kombiniert). Nachdem Homosexualität jahrhundertelang geduldet worden war, wurde nun dafür mancherorts sogar die Todesstrafe eingeführt.

Als Katholik arbeitet sich Boswell gegen Ende noch ausführlich an Thomas von Aquins Lehre von der „Natur“ ab und weist ihm einige logische Ungereimtheiten nach. Es ist also kein Wunder, dass sich Boswell mit diesem Buch nicht viele Freunde gemacht hat – für die Katholiken muss es ein Affront gewesen sein, für die schwule Community kam die Kirche dagegen zu gut weg. Interessant wird nun natürlich nachzuvollziehen, wie die Diskussion von hier aus weiterging. Boswell selbst hat in der Annahme geschrieben, dass seine Arbeit bald überholt sein würde und nur einen Anfangspunkt setzt. Deswegen hält er sich auch mit Deutungen sehr zurück.

Ihm selbst war leider kein langes Forscherleben mehr vergönnt. Er starb 1993 an den Folgen von AIDS. Weitergedacht haben inzwischen viele andere. Und wir sind ja inzwischen auch dabei. Es wurde auch wirklich Zeit.

John Boswell, Christianity, Social Tolerance, and Homosexuality. Gay people in Western Europe from the Beginning of the Christian Era to the Fourteenth Century, The University of Chicago Press, Chicago 1980.

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