Sehr besonders und doch total normal

Alles leuchtete. Die Strahlen der Nachmittagssonne, die durch die Fenster der blumengeschmückten Zionskirche fielen, die Stimme des Sängers, die Gesichter der Gäste und ganz besonders natürlich diese beiden schönen Menschen, die hereinkamen, um sich lebenslange Treue zu versprechen und dafür Gottes Segen zu empfangen.

D&J Kirche

Es ist immer ein magischer Moment, wenn sich zwei Menschen in ihrer Liebe zueinander bewusst unter Gottes Obhut stellen. Mich selbst macht es stets sehr demütig, wenn ich das Vorrecht erhalte, diesen Segen zuzusprechen. Es liegt etwas Erhabenes und endlos Wohlwollendes in der Luft. Gottes Gegenwart ist schier mit Händen zu greifen.

Für mich und die meisten anderen war es nicht die erste kirchliche Hochzeit, die wir miterleben durften, aber ganz sicher eine der schönsten. Und so einige meinten hinterher: Eigentlich erstaunlich, wie normal sich das alles hier anfühlte. Machte es einen so großen Unterschied, dass es zwei Männer waren, die sich hier die Ringe ansteckten? Das war in der Tat für mich und viele Anwesende neu. Aber es war dann doch ausgesprochen unspektakulär angesichts der Aufregung, die in evangelikalen Kreisen um dieses Thema veranstaltet wird.

Für mich ist es eine glückliche Fügung, dass Martin Grabe, der Direktor der Klinik Hohe Mark und 1. Vorsitzende der APS, just vor ein paar Wochen ein kleines Buch mit dem Titel „Homosexualität und christlicher Glaube: ein Beziehungsdrama“ veröffentlicht hat, in dem er sich deutlich dafür ausspricht, dass auch gleichgeschlechtlichen Paaren das Recht auf eine kirchliche Segnung zugestanden werden sollte. Als Psychiater und Psychotherapeut hat Grabe reichlich Erfahrung mit Menschen, deren sexuelle Identität nicht in das Schema ihrer religiösen Umgebung passt, und er weiß um die fatalen Folgen der subtilen und weniger subtilen Demütigungen, denen diese Menschen in der Regel über Jahre hin ausgesetzt sind. Sein Buch entspringt dem Anliegen, diesen Menschen endlich zu vermitteln, dass sie so richtig sind, wie sie sind. Weil er aus der Praxis weiß, dass jeder Mensch diese Einstellung braucht, um seelisch gesund zu bleiben.

Das Buch ist mit seinen nicht mal 100 Seiten reichlich kurz geraten; man merkt, dass es Herrn Grabe ein Anliegen war, dass es rasch erscheint und große Verbreitung findet. (Der Francke-Verlag hat den explosiven Inhalt auch noch ganz hübsch in Hardcover gepackt.) So bleibt inhaltlich einiges verkürzt und bedarf einiger Ergänzungen. Grabe selbst beschreibt seinen Text auch lediglich als „Versuch, ein paar klare Gedanken dazu zu formulieren“. Es finden sich darin in der gebotenen Kürze aber sehr viele klare Gedanken aus geschichtlicher, tiefenpsychologischer, theologischer, soziologischer Sicht, ergänzt durch Grabes ganz persönlichen Weg in dieser Frage. In aller Vorsicht nähert er sich dem Vorschlag, von dem von vorneherein klar war, dass er ihm ausgiebig um die Ohren gehauen werden wird:

Homosexuelle Christen dürfen ebenso wie heterosexuelle Christen eine verbindliche, treue Ehe unter dem Segen Gottes und der Gemeinde eingehen und sind in der Gemeinde in jeder Hinsicht willkommen.

So unverblümt haben wir es im evangelikalen Raum noch selten gelesen und erwartungsgemäß blieben die Reaktionen nicht aus. Die ehemaligen und aktuellen Führungspersonen in der Evangelischen Allianz ließen es natürlich ungern auf sich sitzen, dass sie unsauber theologisch arbeiteten (wie Grabe es behauptet). Auf Anfrage von Idea haben einige Leiter der wichtigsten Freikirchen eine Stellungnahme dazu abgegeben. Viel Neues war dabei nicht zu erfahren. Die Argumente sind längst ausgetauscht. Verstörend wirkt aber auf mich die Tatsache, dass sich selbst durch diese Ausführungen eines der führenden christlichen Psychiater im deutschsprachigen Raum praktisch niemand dazu bewegen lässt, hinter die eigene Haltung auch nur das kleinste Fragezeichen zu setzen. Das Tabu, das Grabe beschreibt, ist offenbar nach wie vor zu stark, vermutlich noch zusätzlich verstärkt durch persönliche Eitelkeiten. Wer mag denn jetzt noch zugeben, dass er sich geirrt hat?

Sowohl Herr Grabe als auch ich haben dafür ja lange genug gebraucht. Wenn man sich davon aber einmal frei gemacht hat, wundert man sich dann doch über sich selbst. Was soll denn daran so furchtbar problematisch sein, dass zwei Personen gleichen Geschlechts zusammen glücklich sein wollen? Warum nimmt man es in christlichen Kreisen lieber in Kauf, dass homosexuelle Menschen unter Druck gesetzt oder gleich ganz ausgegrenzt werden, als dass man sie in der Gemeinde als die, die sie sind, willkommen heißt? Es sind durchweg wunderbare Menschen, so wie alle Menschen, aber meiner Wahrnehmung nach auch oft mit ganz besonderen Gaben gesegnet. Für uns sind sie eine große Bereicherung. Und letztlich doch auch einfach ganz normale Menschen.

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