Räume #5 Das Haus des Volkes in Probstzella

Papa: Entschuldigung, wo geht’s denn hier zur Alfred-Arndt-Ausstellung?

Kellner: Das ganze Haus ist die Alfred-Arndt-Ausstellung.

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Mehr Licht, überall. Nach einer Woche ländlicher Beschaulichkeit in Fachwerk und Schiefer betreten wir helle, große Räume, alles ist Form und Farbe. Treppen winden sich überraschend und führen zu lauschigen Terrassen. Selbst die Türgriffe und Handläufe sind angenehm zu greifen. Der Speisesaal besteht fast nur aus Fenstern. Hinter einer Tür wartet eine Kegelbahn, ganz oben sogar ein enormer Kinosaal. All die Helligkeit und Offenheit machen mich auf der Stelle wach, neugierig und optimistisch.

Noch nie wurde mir so greifbar vermittelt, was das Bauhaus eigentlich wollte: nicht einfach nur eine neue Art der Architektur, sondern eine komplett neue Geisteshaltung, anhand der das Haus als Lebensraum von Grund auf neu gedacht wurde.

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Wie kommt es, dass mitten in der Thüringer Provinz ein solches gewaltiges Architekturdenkmal steht? Probstzella hat keine 3000 Einwohner und war einst als Grenzbahnhof zwischen BRD und DDR bekannt: Im Bahnhof und einem alten Grenzturm gibt es sehenswerte Ausstellungen zur deutschen Teilung zu besichtigen. Die Geschichte des „Hauses des Volkes“ begann aber schon viel früher und mich erstaunt es sehr, dass ich noch nie zuvor den Namen Franz Itting gehört habe.

Franz Itting, geboren 1875, war als Elektroingenieur Pionier einer ganz neuen Technik und als solcher sehr erfolgreich. Als engagierter Sozialdemokrat war er sehr um das Wohlergehen seiner Arbeiter besorgt und wollte zu diesem Zweck eine „Stätte der Erholung, Ruhe und Belehrung und der Körperertüchtigung“ errichten. Eines Tages bekam ein Kommilitone des Sohnes, der am Bauhaus in Dessau studierte, die ursprünglichen Baupläne zu sehen, kommentierte sie sehr pointiert und bekam von Itting spontan den Auftrag, das Haus komplett umzuplanen und entsprechend zu bauen. So kam der spätere Bauhaus-Meister Alfred Arndt mit 28 zu seinem ersten großen Auftrag, der gleich einer seiner wichtigsten werden sollte. 1927 wurde das Haus des Volkes eingeweiht und die Bevölkerung konnte für wenig Geld Feste, Konzerte namhafter Orchester und sogar Kinofilme erleben.

Franz Itting wurde in den folgenden wirren Jahrzehnten erst von den Nazis als Sozialist (und Erbauer eines Hotels im „undeutschen Stil“!) und später von den Kommunisten als Kapitalist verfolgt. Von letzteren wurde er enteignet und floh schließlich in den Westen, wo er im Alter von 75 nochmals eine Firma gründete und bis zu seinem Tod weiterführte.

Wie schafft es ein Mensch, trotz dieser Demütigungen, wiederholter KZ-Erfahrungen, dazu noch schweren privaten Schicksalsschlägen immer wieder neu anzufangen? Warum haben wir noch nie von Franz Itting gehört?

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Das enteignete Gebäude diente zu DDR-Zeiten überwiegend als Verwaltungsgebäude und wurde nach der Wende weiter dem Verfall preisgegeben, trotz aller Bemühungen der jüngsten Itting-Tochter Sonja, das Haus ihres Vaters zurückzubekommen. Als das Bundesvermögensamt sich im Jahr 2002 endlich zu einer Rückgabe durchringen konnte, war das Haus gerade noch zu retten – durch drei örtliche Architekten, die das arg mitgenommene Gebäude ersteigerten und seither mit hohem Aufwand und ohne öffentliche Gelder originalgetreu wiederherstellen.

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Die neuen Hotelchefs beweisen auch in der Auswahl ihrer Angestellten ein gutes Gespür. Alle sind sehr freundlich und eifrig, besonders der Kellner ist eine Marke für sich. Die Gerichte von der überschaubaren, aber durchdachten Karte sind von sehr ordentlicher Qualität und Quantität – eine seltene Kombination. Im Frühstückssaal und den angrenzenden Räumen ist eine interessante Ausstellung zu Franz Itting, Alfred Arndt und deren Weggefährt*innen zu besichtigen, gestaltet von Roman Graefe, von dem auch ein Buch und ein Dokumentarfilm über Franz Itting stammen.

Wir logierten mit den Kindern in den Bed&Bike-Zimmern im alten Gasthof, der baulich ans Haus des Volkes angegliedert wurde. Zumal wir an Jugendherbergs-Standards gewöhnt sind, machte es uns nichts aus, Toilette und Dusche mit anderen Gästen zu teilen (von denen es, vermutlich pandemiebedingt, ohnehin sehr wenige gab). Falls wir eines Tages zu zweit wiederkommen (was wir fest vorhaben), darf es dann aber gerne auch mal eines der Luxuszimmer mit Eckbadewanne sein. Denn das ist immerhin der beste Weg, die Eigentümer darin zu unterstützen, dieses Haus weiter zu erhalten und auszubauen: hinfahren und sich verwöhnen lassen. Erholung, Ruhe, Belehrung und Körperertüchtigung können schließlich auch wir Städter gut gebrauchen. Dieses Haus mit seiner ganzen Geschichte ist buchstäblich ein Ort der Inspiration.

www.bauhaushotel.com

Von Berlin mit dem Zug in knapp 4 Stunden zu erreichen, das Hotel liegt in direkter Nähe zum Bahnhof Probstzella.

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