Anna Koppri: Wir – mit oder ohne Wunschkind

Der Prenzlauer Berg: Allüberall Kinderwagen, Babytragen, Kinderklamottenläden, volle Spielplätze. Wer hier wohnt, hat Kinder. Danach sieht es jedenfalls aus.

Die ohne Kinder sieht man ja nicht. Wie muss es sich anfühlen, hier zu wohnen und sich danach zu sehnen, selbst Kinder zu haben und Teil dieser Community zu sein, aber keine zu bekommen? Anna Koppri weiß es, sie wohnt hier mittendrin. Und weil sie auch weiß, dass sie längst nicht die Einzige ist, die dieses Gefühl kennt, hat sie beschlossen, daraus ein Buch zu machen. Dieses enthält nicht nur ihre eigene Geschichte, die inzwischen ein Happy End mit zwei wunderbaren Söhnen hat. Anna hat auch elf weitere Paare und einzelne Personen die Geschichte ihrer ungewollten Kinderlosigkeit erzählen lassen.

Es sind sehr unterschiedliche Geschichten mit ganz unterschiedlichen Schwerpunkten und auch sehr unterschiedlichem Ausgang: Manche Paare sind kinderlos geblieben, bei manchen hat es schließlich auf unterschiedlichen Wegen doch noch geklappt, manche sind Pflegefamilie geworden. Die meisten haben Fehlgeburten erlebt. Wir dürfen sehr nahe mit dabei sein, während diese Menschen darum ringen, einen konstruktiven Umgang mit dieser ganz persönlichen Tragik zu finden, ihren Glauben an einen guten Gott zu bewahren und schließlich ihren eigenen Weg zu gehen. Eigentlich erstaunlich, wie verschieden die Geschichten sind, obwohl es sich durchweg um Menschen mit einem ähnlichen Hintergrund handelt: alle sind heterosexuelle und verheiratete Christen (was damit zu tun hat, dass das Buch bei einem christlichen Verlag erschienen ist – diese sind mit alternativen Familienmodellen in der Regel noch etwas überfordert). Die große Leistung dieses Buches besteht meiner Ansicht nach darin, zu zeigen, dass es auch unter dieser klar definierten Gruppe nicht den einen „christlichen Weg“ gibt, mit Kinderlosigkeit umzugehen, sondern dass alle die beschriebenen Wege auch vom Christentum her berechtigt und legitim sind. Man darf sich einer Kinderwunschbehandlung unterziehen. Man darf sich aber auch gegen eine solche entscheiden.

Ich heiße im Buch Claudia. Ich selbst habe zwar im Nachhinein das Gefühl, von dem Thema nur gestreift worden zu sein – bei mir lagen zwischen Absetzen der Pille bis zur Aufnahme des ersten Pflegekindes gerade mal drei Jahre. Allerdings drei sehr bewegte Jahre mit intensiven theologisch-ethischen Auseinandersetzungen und geplagt von der allgemeinen Sprachlosigkeit über das Thema Kinderwunsch und ungewollte Kinderlosigkeit. Ich bin sehr froh, dass Anna dieses Buch gemacht hat. Anna war bis zur Gründung ihrer eigenen Familie ein wertvoller Teil unseres Familiennetzwerks; ich durfte selbst erleben, wie sehr sie ein Händchen für Kinder aller Art hat, freue mich riesig über ihre beiden Jungs und freue mich aber auch darüber, dass sie sich dieses Thema warm gehalten hat, obwohl sie allen Grund hätte, es endlich abzuhaken. Es war an der Zeit, dass alle diese verborgenen Geschichten um Fehlgeburten, Kinderwunschpraxen und geborstene Hoffnungen, die so viele von uns plagen, einen Ort finden, um gehört zu werden.

Im Anschluss daran wäre natürlich nun auch mal eine umfassende, sowohl theologisch als auch medizinisch informierte, Diskussion der Möglichkeiten assistierter Reproduktion wünschenswert. In diesem Bereich ist meines Wissens auch in den zehn Jahren seit meiner eigenen Kinderwunschkarriere erstaunlich wenig veröffentlicht worden. Die Gynäkologin Ute Buth gibt dazu in einem Beitrag für dieses Buch einige Hinweise, aber eine gründliche Behandlung dieser komplexen Fragen hätte den Rahmen des Buches komplett gesprengt. Vielleicht fühlt sich nun ja irgendjemand dazu ermuntert, hier weiterzuarbeiten. Ich bin überzeugt, es wäre unzähligen Paaren eine enorme Hilfe, sich im Dschungel der Möglichkeiten und Grenzen dieses buchstäblich lebenswichtigen Themas zurechtzufinden. Ein Anfang ist ja nun gemacht.

Anna Koppri, Wir – mit oder ohne Wunschkind, Gerth Medien, Asslar 2020.

Hörenswert ist auch das Gespräch mit Anna im Hossa Talk: https://hossa-talk.de/163-wenn-sich-der-wunsch-nach-kindern-nicht-erfuellt/

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