Wenn ein Buch im eigenen Gemeindebund derartige Kontroversen auslöst und in den Kommentaren auf Amazon entweder als höchst empfehlenswert oder als Irrlehre bezeichnet wird, dann sollte man es wohl gelesen haben – vor allem wenn man selbst einen Job in diesem Gemeindebund ausübt und einen Sohn im Konfirmandenalter hat.
„Glauben lieben hoffen – Grundfragen des christlichen Glauben verständlich erklärt“ heißt das Buch, ein gemeinsames Projekt von in der Jugendarbeit aktiven Pastoren aus dem BeFG und dem BFeG. Ausgehend vom Apostolischen Glaubensbekenntnis werden auf jeweils ein bis drei Seiten 103 Fragen an den christlichen Glauben behandelt, in der Absicht, jungen Menschen „eine Orientierungshilfe im Glauben und Leben (zu) geben und die eigene Meinungsbildung in Glaubensfragen (zu) unterstützen“, so heißt es in der Einführung. Das ist vom Ansatz her eine tolle Idee und vom Ergebnis her äußerst interessant. Denn hier haben Menschen auf der Höhe der gegenwärtigen theologischen Diskussion nachgedacht und Antworten formuliert, die im evangelikalen Raum so noch nicht zu lesen waren. Ich bin durch die Lektüre angenehm angeregt zum Weiterdenken, habe innerlich manches Mal gestaunt, mich gefreut und bisweilen auch widersprochen. Was mich betrifft, haben die Autoren also gut gearbeitet, denn genau das war ja ihre Absicht, wenn ich sie richtig verstanden habe.

Dennoch bleibt auch bei mir eine gewisse Irritation zurück. Denn wer war nochmal die Zielgruppe für dieses Buch? Die Sprache ist weitgehend Erwachsenensprache, die kaum geeignet ist, bei Vierzehnjährigen Begeisterung für den Glauben zu wecken. Bei Mitarbeitenden in Jugendgruppen sollte man wiederum eine Aufmerksamkeitsspanne voraussetzen dürfen, die über drei Buchseiten hinausreicht. Meines Erachtens wäre es sinnvoller gewesen, die Anzahl der Fragen zu verringern und sie dafür jeweils ausführlicher zu behandeln. Dann wären die Antworten einerseits nicht so verkürzt ausgefallen und hätte man andererseits diverse Redundanzen vermieden (es ist schon ärgerlich, wenn man auf dem begrenzten Platz auch noch mehrmals ähnliche Dinge lesen muss). Die Literaturhinweise, so vorhanden, sind gehaltvoll, aber doch recht beliebig. So fehlt dem Buch schon von der Form her irgendwie der rote Faden.
Vermutlich wurde bewusst auf didaktische Mittel wie z.B. Fragen zum Weiterdenken verzichtet. Diese hätte ich aber durchaus sinnvoll gefunden, wenn denn schon zum Selberdenken angeregt werden soll. Oder wäre es nicht auch eine Idee gewesen, die verschiedenen Autoren, die ja unterschiedliche Ansichten vertreten, untereinander in einen Dialog zu bringen? Hätte man die Fragen anders auf die Autoren verteilt, wäre es ein ganz anderes Buch geworden.
Das Buch wirkt auf mich trotz aller guten Absichten und originellen Gedanken irgendwie unentschlossen. Manche Autoren scheinen der Kraft der eigenen Botschaft nicht so ganz zu trauen und formulieren allzu belanglos. Manche füllen nicht einmal den knappen Platz, den sie zur Verfügung gehabt hätten. So manche Buchseite ist zum großen Teil einfach weiß geblieben. Wenn die Autoren denn schon nicht mehr zu sagen hatten: Hätte sich der Verlag nicht wenigstens Gedanken um passende Illustrationen machen können, wenn man schon ein Buch produziert, das die junge Generation ansprechen soll? Es scheint, als ob am Ende nicht mehr so ganz klar war, was denn nun der grundlegende Auftrag dieses Werkes sein sollte. Dieser scheint in dem jahrelangen Ringen auf der Strecke geblieben zu sein, das dem Erscheinen des Buches vorausging. Gemeinsam glauben, lieben und hoffen kann eben eine ganz schön komplexe Sache sein.
Wie auch immer – was machen wir nun mit diesem Buch? Ich würde vorschlagen: Lesen wir es und reden wir darüber. Nicht nur für die junge Generation, sondern für uns alle enthält das Buch ausreichend Gesprächsstoff. Lasst uns also darüber nachdenken und untereinander diskutieren. Man muss nicht jeder Aussage in diesem Buch zustimmen. Bilden wir uns eine eigene Meinung. So geht mündiger Glaube. Genau das möchte uns dieses Buch ja vermitteln, und deswegen ist es letztendlich doch ein richtig gutes, wertvolles Buch.
Hamp, Krupinski et al., glauben|lieben|hoffen: Grundfragen des christlichen Glaubens verständlich erklärt, SCM R. Brockhaus 2021