Seelsorge und Beratung sind doch eigentlich dasselbe. Oder …?

Mein Beratungszimmer in der Rykestraße hat seit September eine Doppelrolle. Neben Klient:innen, die zur Lebensberatung kommen, sitzen hier immer öfter auch Menschen aus meiner Gemeinde, die sich einfach mal etwas von der Seele reden möchten oder die eine theologische Frage haben, oder oft auch beides. Und denen ich anschließend keine Rechnung dafür ausstelle.

Seit Anfang September bin ich in meiner Gemeinde, dem Berlinprojekt, zu 50 Prozent als Gemeindereferentin angestellt, unter anderem um genau das zu tun: Menschen seelsorglich zu begleiten und das Seelsorgeteam der Gemeinde zu leiten. Es ist eine sehr schöne, spannende und herausfordernde Aufgabe, die ich gerne übernommen habe.

Seelsorge und Beratung sind von außen betrachtet ähnliche Tätigkeiten, vom Inhalt her aber doch unterschiedlich. Als freiberufliche Beraterin arbeite ich mit Menschen über einen relativ kurzen Zeitraum an konkreten Lebensthemen, oft auch mit bestimmten Methoden, versuche ihnen damit neue Perspektiven zu eröffnen, und lasse sie dann wieder ihres Weges ziehen. Für einen solchen Prozess ist es unter anderem notwendig, dass ich eine persönliche Distanz zu meinen Klient:innen wahre.

Seelsorge ist etwas anderes: Menschen begleiten, für sie beten, Gottes Segen zusprechen. Gemeinde ist Beziehung. Hier gelten ganz andere Regeln für Nähe und Distanz. Hier bin ich als Person greifbar und erlebbar und möchte das auch sein, auch in meiner spirituellen Seite. So habe ich hier unter anderem die Möglichkeit, für Menschen zu beten und sie zu segnen – was ich als Beraterin nie mache.

Es sind also zwei ganz unterschiedliche Dinge, die ich da mache, obwohl sie nach außen hin sehr ähnlich aussehen und – siehe Bild – manchmal auch noch am selben Ort stattfinden. Um dennoch beides voneinander klar abzugrenzen, habe ich beschlossen, ab sofort nur noch Menschen von außerhalb des Berlinprojekts zu beraten, d.h. Menschen, die sich nicht zur Gemeinde zählen und die auch nicht die Absicht haben, das BP in Zukunft zu ihrer Gemeinde zu machen. Gerne auch Menschen, die gar nicht in Berlin sind. Die Pandemie hat mich ja gelehrt, dass Beratung tatsächlich auch per Bildschirm funktioniert und sogar ganz neue Möglichkeiten eröffnet. Menschen aus meiner eigenen Gemeinde verweise ich gerne an andere Berater:innen in Berlin.

Mein großes Thema sind nach wie vor religious struggles in allen Formen, besonders im evangelikalen Bereich. Als Beraterin helfe ich Menschen, ihr Leben in diesem Bereich neu zu sortieren. Als Gemeindereferentin arbeite ich darauf hin, für solche Menschen mit unserer Gemeinde einen Ort zu schaffen, der ihnen ein Zuhause bietet und gleichzeitig den nötigen Raum lässt. Was für zwei gewaltige, schöne Aufgaben.

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