Ich war dabei! Der 10. September 2022 war sicher so einer dieser Tage, um den sich bald schon Legenden ranken werden.
Das war abzusehen. Das Coming-In, das offene Treffen von queeren Christen und deren „Allies“, war lange ersehnt und geplant, fand 2021 dann pandemiebedingt im virtuellen Raum statt, und die Präsenzveranstaltung musste dieses Jahr vom März in den September verschoben werden. Nun hat sie endlich stattgefunden.
Das Bürgerzentrum Niederhöchstadt im Frankfurter Speckgürtel war ausgebucht und die Halle bis auf den letzten Platz besetzt, als dann endlich alle saßen. Im Foyer hatte ich zuvor etliche Gesichter angetroffen, die mir bisher ausschließlich vom Zoom-Bildschirm und/oder aus den Medien bekannt waren. Ein kleines bisschen Stolz packte mich bei der Feststellung, dass ich nicht nur fast alle Bücher vom Büchertisch innerhalb der letzten 12 Monate gelesen habe (aber nicht die Zeit gefunden habe, sie hier zu besprechen), sondern auch einige der Autor*innen inzwischen kenne – und dass ich an einem der Bücher selbst mitgeschrieben habe und gerade das Vorwort zu einem in Zukunft erscheinenden Buch verfasst habe. Ich habe mich aufrichtig geehrt gefühlt, dass ich selbst einen Workshop halten durfte: Dirk und ich erzählten in Theorie und Praxis vom Segnen queerer Paare. Man erinnere sich: https://juttaschierholz.wordpress.com/2020/08/18/sehr-besonders-und-doch-total-normal/
Der Verein Zwischenraum ist mir seit Langem bekannt und ich war, zugegeben, immer ein bisschen neidisch gewesen, dass ich als cis-heterosexuelle Person keinen Zugang dazu hatte. Denn was ich aus dieser – komplett ehrenamtlich geführten! – Gruppe an Inhaltlichem und über zwischenmenschliches Engagement zu Ohren bekomme, ist stets von einer ganz besonderen Qualität. Das haben sie jetzt auch in der Organisation dieser Großveranstaltung bewiesen: Das Ganze war logistisch, technisch, musikalisch, grafisch von einer geradezu beängstigenden Perfektion. Besser lässt sich nicht illustrieren, was unseren Gemeinden dadurch entgeht, dass diese Menschen dort immer noch allzu oft daran gehindert werden, ihr Potenzial einzubringen.

Als ersten Hauptredner hatten sie David Gushee gewinnen können, den Autor von Changing Our Mind. Gushee ist einer von wenigen US-amerikanischen evangelikalen Theologen, die inzwischen eine offene Haltung in der queeren Frage vertreten. Er hat sich damit ähnlich viel Ärger eingehandelt wie Michael Diener, der den zweiten Hauptvortrag hielt. Dass dieser seine Haltung in der queeren Frage in den letzten Jahren komplett verändert hatte, wusste man ja schon. Dass er hier aber öffentlich ein Schuldbekenntnis abgibt und seine Wandlung als eine vom Saulus zum Paulus beschreibt, hätte ich in dieser Deutlichkeit nicht erwartet und die anderen Zuhörer vermutlich auch nicht. So hat man das aus dem Mund eines führenden Evangelikalen noch nicht gehört. Das Publikum nahm es dankbar auf.
Dass solche Veranstaltungen insgesamt emotional sehr dicht sind, versteht sich von selbst. Hier ist schließlich ein Ort, an dem Menschen sich so zeigen, wie sie sind, nachdem sie anderswo die Erfahrung gemacht haben, genau aus diesem Grund aus einer Gemeinschaft ausgegrenzt zu werden. In dem völlig entfesselten Gesang aus hunderten von Kehlen im Abschlussgottesdienst entweicht hörbar einiges von diesem massiven Druck, unter dem sich manche dieser Menschen befinden. Ein Salbungsritual mit echtem Öl mit echtem Goldstaub bringt Würde zurück. Es sind starke Eindrücke, und für viele der Anwesenden müssen diese auch eine ganze Weile vorhalten. Nicht alle wohnen urban und haben eine offene Gemeinde in Reichweite. Ich staune, welche Distanzen manche zurücklegen, um überhaupt Anschluss an eine Gemeinschaft von Christen zu haben, in der sie willkommen sind.
Ganz stark fand ich auch, wie es den Veranstaltern gelungen ist, selbst in einem vollen Saal von dieser Größe einen safe space zu schaffen: die Predigt als Dialog anzulegen und zurückhaltend zu formulieren, eine körpernahe Handlung wie das Salbungsritual gründlich einzuleiten, immer allen Anwesenden die Möglichkeit offenzuhalten, sich zu distanzieren, wenn es zu eng wird. Ich merke, dass ich von diesen Menschen noch einiges lernen kann. Sehr spannend war zum Beispiel auch der Workshop über Seelsorge an queeren Menschen, bei dem ich als Teilnehmerin dabei war. Ein Seminar von Ines-Paul Baumann fände ich eine prima Idee für den nächsten APS-Kongress. Leider lief mir Martin Grabe anschließend nicht nochmal über den Weg, sonst hätte ich gerne versucht, das gleich an Ort und Stelle einzutüten.
Denn nicht zu vergessen: Das Grundanliegen dieser Veranstaltung war und ist es, Gemeinden dahin zu entwickeln, dass sie für alle Menschen gute und heilsame Orte sind. Das erklärte Ziel des Zwischenraums ist es, sich selbst überflüssig zu machen. Ich würde sagen, diesem Ziel sind sie an diesem Tag einen großen Schritt näher gekommen. Wobei – ich jedenfalls wünsche mir nicht, dass sich dieser Verein auflöst. Sondern vielmehr, dass er sichtbarer wird mit dem, was er tut. Sie sind schon klasse, die Leute.
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Auf dem Foto fehlt das Buch, das einen Text von mir enthält, weil ich es gerade verliehen habe:
Birgit Hartung, Schwul, lesbisch, hetero …? Ein langer Weg zur Versöhnung in Familie und Gemeinde?!, Manuela Kinzel Verlag 2022.