Knietief im Sauerteig der Finsternis

Karen Krüger schrieb gestern in der FAZ über die Tolkien-Leidenschaft von Giorgia Meloni. Die frisch gewählte neue italienische Ministerpräsidentin möchte laut Krüger „Italien aus den Fängen des Bösen befreien, wie Frodo und seine Gefährten Mittelerde vor der Dunkelheit bewahrt haben“, und offenbar trifft sie mit dieser Rhetorik einen Nerv bei den Ultrarechten Italiens. Auf Twitter sehen das nicht alle so: „Sie ist ganz offensichtlich Sauron“, schreibt da jemand.

Wie auch immer: Meloni ist derzeit nicht die Einzige, die ihre eigenen Interessen auf die ganz großen Erzählungen vom Kampf des Guten gegen das Böse projiziert. Mich sprang gestern bei der Zeitungslektüre am Frühstückstisch diese Parallele zu dem an, was mich am Montag sehr beschäftigt hatte: An diesem Tag liefen die Internetforen heiß, nachdem letztes Wochenende der FeG-Bundestag (die Pastorenkonferenz der Freien Evangelischen Gemeinden heißt wirklich so!) letztes Wochenende getagt hatte.

Unter den Forenschreibern herrschte helle Aufregung. Es drohe der Abfall in geistlich dunkle Zeiten, wenn nicht gar schon die Endzeit mit der prophezeiten Verführung durch Irrlehren. Bilder aus der Offenbarung des Johannes wurden heraufbeschworen: die Gemeinde in Laodizäa, die aufgrund ihrer Lauheit ausgespien wird. Die falsche Prophetin Isebel, die das Volk zur Hurerei und zum Götzendienst verführt. Überhaupt drohe der komplette Bund der Freien Evangelischen Gemeinden „auf die schiefe Ebene des Liberalismus“ zu geraten, den Bach runter zu gehen, zu fallen und geistlich kaputt zu gehen. Retten könne man sich nur durch Amputation dessen, was theologisch faul ist, um die Gemeinde „unverwässert“ zu halten und den kleinen treuen Überrest zu bewahren. So war es am Montag in den Kommentaren zu lesen.

Was war bloß geschehen? Welche existenzielle Bedrohung war da am Horizont erschienen? Nun, auf jenem Bundestag wurde ein Gesprächsprozess darüber gestartet, ob queere Menschen in FeGs mitarbeiten und als Paar gesegnet werden dürfen sollen.

Man sollte eigentlich meinen, dass das Thema Homosexualität ein Randthema in der theologischen Ethik sei. Doch von etlichen konservativen Evangelikalen werden hier stets die ganz großen Metaphern ausgepackt, von denen in der Bibel durchaus einige zu finden sind. Erstaunlicherweise wird die Bilderwelt der Bibel hier aber komplett auf das Düstere, Unheilvolle reduziert. Auf die Idee, dass die große Erzählung des Christentums insgesamt eine hoffnungsvolle, helle, frohe Botschaft (euangelion eben) ist, würde man angesichts dieser bedrohlichen Szenarien wirklich nicht kommen. Interessant ist zum Beispiel auch, dass die Metapher vom Sauerteig von konservativer Seite durchweg nur im negativen Sinn verwendet wird (das Böse „durchsäuert“ das Gute), obwohl Jesus dieselbe Metapher auch für das Himmelreich gebraucht, das unaufhaltsam die Welt durchdringt.

Unter den Tisch fällt auch gerne, wie Jesus im negativen Sinn vom „Sauerteig der Pharisäer“ spricht. Jesu Kritik an den Pharisäern lautete, dass diese auf der Einhaltung des Gesetzes bis ins kleinste Detail beharrten, dabei aber das eigentliche Wesen des Glaubens, nämlich die Liebe, vergaßen. Das passt direkt zu einer Beobachtung, die ich in diesen Diskussionen immer wieder mache: Bisweilen kommt es ja vor, dass Leuten diese Diskrepanz zwischen ihrer konservativen Sexualethik und dem Liebesgebot auffällt. Das führt aber nie dazu, dass man Ersteres in Frage stellt. Eher wird das Liebesgebot eingeschränkt. Die Metapher vom drohenden Abfall in die geistliche Finsternis scheint bombenfest in den Köpfen verankert. Da würde ich mal sagen: Der Sauerteig der Pharisäer hat ganze Arbeit geleistet.

So wird es von progressiver Seite auch zunehmend verbalisiert. Deren am häufigsten zitierte Bibelstelle ist wohl Matthäus Kapitel 23, diese Schimpfkanonade von Jesus in Richtung der Pharisäer. Was wiederum die Stimmung im Forum nicht wirklich verbessert. Neben der Metapher vom Pharisäer wird von dieser Fraktion auch gerne das Bild vom Steinbruch verwendet für die Manier, in welcher die Konservativen Theologie betrieben.

Denn dieser Ton ist immerhin neu: Zunehmend melden sich in dieser Debatte auch queere Menschen zu Wort. Sie sind es ja schließlich, über die hier diskutiert wird. Sie entzaubern damit das gern gepflegte Bild vom hässlichen LGBTQ-Monster, das angeblich den „Schutzraum Ehe“ bedroht (worin besteht eigentlich, angesichts der Häufigkeit von häuslicher Gewalt, dieser „Schutzraum“?). Es wird deutlich, dass diese große Schlacht nicht gegen Orks mit Federboa, sondern gegen ganz normal denkende und empfindende Menschen geführt wird, die sich auch in der Bibel auskennen und sachlich argumentieren können.

So kommt es nun vor, dass sich auf konservativer Seite auch Menschen sehr verletzt fühlen, die einfach nur ihre – vermeintlich doch ganz gnädige – Sichtweise kundgetan haben, wie sie es schon seit Jahrzehnten tun. Dass ihnen gespiegelt wird, wie diese Haltung auf die Menschen wirkt, über die hier gesprochen wird, ist neu. Daran scheint man sich allgemein erst noch gewöhnen zu müssen, dass auch eine freundlich formulierte Ablehnung von Homosexualität letztlich menschenverachtend ist.

Die Bibel steckt voller positiver, heller, freudiger Bilder, doch in diesem gesamten Diskurs war davon nichts zu sehen. Doch Moment – eines tauchte auf, in einem Post eines queeren Menschen. Das Motiv der Segnungen Gottes auch für die Gläubigen aus den Nationen. Das ist doch nun endlich auch mal ein Motiv, das wirklich zum Thema passt, und es malt ein ganz anderes Bild als das vom Abfall in Sodom und Gomorrha. Denn sollten schließlich nicht wir alle – bibelfest, wie wir sind – wissen, was mit Menschen geschieht, die ihren Blick nicht vom brennenden Inferno Sodom abwenden können? Sie erstarren zur Salzsäule.

Diese leblose Erstarrung lässt mich an eine weitere Metapher denken, die da zu lesen war: Einer der ultrakonservativen Wortführer wurde von einem Foristen als „stabile Bank im Sumpf“ bezeichnet. Ich frage mich, was mir in einem Sumpf die stabilste Bank nützen soll, wenn ich dort festsitze und dem Verhungern ausgeliefert bin. Aber wer weiß, vielleicht trägt der Sumpf ja doch hinüber zu den grünen Auen. Man muss sich nur trauen, von der stabilen Bank aufzustehen und Schritte hinaus ins unsichere Terrain zu tun. O ihr Kleingläubigen.

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