
Der Christopher Street Day gehört fest zum Sommer in Berlin. Endlich war ich nun auch mal dabei, sozusagen dienstlich. Ich bin für eine Stadtmissions-Kollegin eingesprungen, die eigentlich die Präsenz der SM auf dem CSD organisieren wollte. Wohl weil ich eine Gemeinde leite, die ihre Offenheit für LGBTQIA*-Personen gleich auf ihrer Startseite kundtut, ist die Wahl auf mich gefallen. Ich habe die Aufgabe gerne übernommen, übers Intranet für die Teilnahme zu werben und bei einer Druckerei in Kleinstauflage einen Sonderdruck der EKBO-Motto-T-Shirts mit SM-Logo auf der Rückseite in Auftrag zu geben.
Der Kirchenkreis Berlin-Stadtmitte schickt seit ein paar Jahren einen eigenen Truck samt erstklassigem DJ und der Botschaft „Liebe tut der Seele gut“ ins bunte Getümmel. Ich bin ein großer Fan dieser Aktion und finde, dass die Kirche hier mal am richtigen Ort investiert: Hier ist Kirche tatsächlich mittendrin und wird wahrgenommen. Die meisten Leute, die den Kirchentruck sehen, gucken natürlich so ungläubig, wie sie es tatsächlich auch sind. Dieser Wagen setzt mit seiner Botschaft in goldenen Großbuchstaben ein unerwartetes, starkes Zeichen für kirchliche Zugewandtheit und Nahbarkeit.
Die Kirchen insgesamt haben natürlich ein verheerendes Image in der queeren Szene, und dieses haben sie sich ja nun mal über sehr lange Zeit auch gründlich erarbeitet. Um dieses Bild zurechtzurücken, braucht es drum von kirchlicher Seite ein umso deutlicheres Auftreten. Der EKBO-Truck macht da eine deutliche Aussage, der ich mich sehr gerne anschließe und mich entsprechend deutlich zeige.
Denn beim CSD geht es ja vor allem ums Zeigen, ums gesehen Werden. Hier zeigen sich Menschen so, wie sie sich sonst nur privat zuhause oder in den Clubs der Stadt zeigen. Zeigen ihren Stolz darauf, so zu sein, wie sie sind: Pride eben. Viel body positivity ist dabei: Es sind gar nicht unbedingt schöne Menschen, die sich hier zeigen. Es sind einfach normale Menschen mit durchschnittlichen Körpern, viele davon werden im Alltag bloß nicht als normal betrachtet. Es sind Männer im Rentenalter dabei, die hier kein Problem haben, ihren Körper so zu zeigen, wie er nun mal ist. Es gibt grellbunte Kostüme, viel Leder, viele Federn, viele Flaggen, und alle haben Spaß. Man will sich einander zeigen, sich aneinander freuen.
Ich habe ein bisschen gebraucht, um das wirklich zu kapieren. Von meinem Naturell her bin ich ja eher eine, die im Hintergrund bleiben möchte. Genau das hat sich aber nun mit meinem neuen Job als Pastorin sowieso komplett erledigt. Dieses Amt ist mit Sichtbarkeit verbunden. Man sieht mir dabei zu, was ich mache, wie ich es mache und wie und wo ich mich zeige.
Ich muss das insgesamt noch üben, keine Frage. Ich werde in diesem Leben auch sicher nicht mehr die Rampensau, die vom Wagen herab barbusig die Massen anheizt. Aber das ist ja auch gar nicht nötig. Dass ich mich in einem T-Shirt der Berliner Stadtmission unter dieses Volk mische, mit Blicken und Gesten den Kontakt suche und genauso viel Spaß an der lauten Musik habe: ich glaube, das ist es, was hier zählt.
Ja, God ist queer. Und God is also a DJ.




