Auf einer Hochzeit im Juni sprach ich in meiner Traupredigt dem Paar, das da vor mir saß, zu, dass sie beide sozusagen den Gegenentwurf zu Emilia Roigs These leben würden. Kurz zuvor war deren Buch „Das Ende der Ehe“ erschienen und in den Feuilletons besprochen worden. Diese Aussage führte beim anschließenden Empfang auf einer Terrasse an der Spree zu einer so angeregten Diskussion, dass wir Beteiligte darüber fast das vorzügliche arabische Buffet verpassten. So liebe ich meinen Pastorenjob!

Inzwischen habe ich Emilia Roigs Buch tatsächlich gelesen, denn natürlich hat mich ihre Begründung für ihre zentrale These interessiert, dass die Ehe an sich abgeschafft gehöre, weil sie an sich eine patriarchale Struktur sei und einer Welt ohne Unterdrückung im Weg stehe. Ich war allerdings schon nach ein paar wenigen Seiten höchst irritiert. So ist zum Beispiel auf Seite 28 zu lesen:
„Auch wenn der Begriff ‚toxische Männlichkeit‘ zunehmend verwendet wird, würde ich lieber davon absehen, weil er suggeriert, dass es auch ‚positive Männlichkeiten‘ gibt. Der Autor John Stoltenberg hat darauf hingewiesen, dass ‚gesunde Männlichkeit‘ gleichbedeutend sei mit ‚gesundem Krebs‘. Männlichkeit basiert auf Herrschaft Dominanz und Macht, sie existiert nur in Relation zur als unterlegen betrachteten Weiblichkeit und kann deshalb nicht ‚positiv‘ gedacht werden.“
Natürlich fügt sie hinzu, dass sie mit „Männlichkeit“ nicht die Männer an sich meint, sondern „die soziale Position (…), die durch bestimmte Verhaltensweisen strukturiert wird“. Hier füllt eine Autorin also einen Begriff („die Männlichkeit“) mit ihrer eigenen Definition und nimmt diese anschließend als Grundlage für ihre gesamte Argumentation. Konkrete Beispiele aus der realen Welt, die dieser Argumentation zuwiderlaufen, werden von ihr entweder zu Ausnahmen erklärt oder erst gar nicht erwähnt.
Diese paradoxen Gedankengänge finden sich immer wieder in ihrem Buch. So beschreibt sie, wie sie ihren Ex-Mann für unfähig hielt, eine eigene Wohnung in Schuss zu halten und darin das gemeinsame Kind zu betreuen (und auch, dass dieser Mann die Aufgabe dann „unerwartet“ gut bewältigt!), und beklagt sich gleichzeitig, dass Care-Arbeit überwiegend von Frauen geleistet wird. Sie schreibt von den „hauptsächlich von Männern genutzten Fußball- und Basketballfelder(n), Skate Parks, Tischtennisplatten“ und beklagt die Vernachlässigung von „weiblichen“ Sportarten wie Ballett, Synchronschwimmen usw. (S. 240). Wie klischeebeladen ist denn das bitte?
Emilia Roig lebt ganz offensichtlich ein anderes Leben als ich, und sie hatte in ihrem Leben ganz offensichtlich auch schon mit ausgesprochen widerlichen Männern zu tun. Die gibt es natürlich. Aber statt sich auf den Gedanken einzulassen, dass es vielleicht auch ganz vernünftige, zurückhaltende, empathische Männer gibt, die gerne kochen und putzen und sich um die Kinder kümmern, verallgemeinert sie ihre Erfahrungen mit übergriffigen Machos. Auf diese Weise wird ein echter Diskurs von vorneherein verhindert. Ich würde ihr ja gerne antworten, dass mein Mann und ich durchaus eine Beziehung auf Augenhöhe führen, die Hausarbeit und Care-Arbeit für unsere Kinder nach Möglichkeit gleichmäßig verteilen und mein Mann es fürchterlich abstoßend fände, eine Frau zu haben, die treuherzig zu ihm aufschaut. Und dass er da auch längst nicht der Einzige ist. Jedoch: „Die tiefe Überzeugung, dass heterosexuelle Liebe zu einem guten Leben führt“, ist laut Roig „Opium des Patriarchats“ (S. 307). Es kann doch gar nicht sein, dass du eine glückliche heterosexuelle Ehe auf Augenhöhe führst, Jutta. Du merkst es bloß nicht, weil du viel zu sehr durch das Patriarchat geprägt bist. Liebe Emilia, sorry, aber: nein.
Mit solchen Aussagen betreibt Roig letztendlich nur dasselbe Gaslighting, das sie in patriarchalen Machtstrukturen entdeckt. Hier beißt sich ihre Art der Argumentation in den eigenen patriarchalen Schwanz. A propos: Penetration ist laut Roig ein patriarchaler Akt, den Frauen nur erdulden, weil sie kulturell entsprechend konditioniert wurden. Diese Stelle sorgte bei uns privat für große Heiterkeit.
Das ist genau das Problem, das ich mit vielen von Roigs Aussagen habe: Sie sind so sehr überspitzt, dass ich sie nicht ernst nehmen kann. Und das ist wirklich schade, denn viele ihrer Anliegen sind ja auch meine: Dass das Ehegattensplitting die materielle Ungleichheit unter Ehepartnern begünstigt und deshalb längst abgeschafft gehört. Dass die Kinderbetreuung weiter ausgebaut werden muss. Dass Familie größer gedacht werden muss als die klassische Kleinfamilie, weil diese allzu oft in die Überforderung führt. Dass es immer noch ein Lohngefälle zwischen Männern und Frauen gibt, das es endlich zu beenden gilt. Das ist ja alles richtig. Es wurde allerdings auch schon ziemlich oft woanders gesagt.
Wieso muss dafür aber die Ehe an sich abgeschafft werden? Würde es nicht reichen, sich von alten Rollenbildern zu lösen? Hier habe ich mich beim Lesen so manches Mal gefragt, in welchem alten Hollywoodschinken Frau Roig sich eigentlich befindet. Zum Beispiel habe ich noch nie eine Hochzeit erlebt, in der die Braut vom Brautvater zum Altar geführt wurde. Auch der Satz: „Sie dürfen die Braut jetzt küssen“, findet sich in keiner mir bekannten Gottesdienstordnung. Nimmt Roig hier wirklich Fiktion für bare Münze, oder inszenieren ihre Freundinnen ihre Hochzeiten tatsächlich so, wie sie es aus Filmen kennen?
Nein, die Ehe bedroht uns Frauen nicht. Die Ehe hat nämlich gar kein Eigenleben, sondern sie existiert nur durch den souveränen Willensakt zweier Menschen, die sich aus freien Stücken dazu entscheiden, ein Stück persönliche Freiheit abzugeben, um gemeinsam etwas Neues entstehen zu lassen und füreinander einzustehen. Die beiden, die da im Juni vor mir standen und einander ihr Versprechen gaben, waren dafür ein wunderbares Beispiel.
Ja, das gibt es. Wir Frauen sind heute nämlich ein bisschen weiter als vor fünfzig Jahren und vielleicht auch schon wieder weiter als noch vor zwanzig Jahren. Natürlich bleibt noch einiges zu tun, aber vieles ist auf einem ganz guten Weg. Ich finde: Statt zu beklagen, was alles noch nicht stimmt, sollten wir lieber feiern, was es alles inzwischen gibt. Das ist nicht nur gesünder, sondern gegenüber den Männern auch gerechter, und Gerechtigkeit wünscht sich schließlich auch Emilia Roig.
Emilia Roig: Das Ende der Ehe. Für eine Revolution der Liebe, Ullstein, Berlin 2023. ISBN 978-3-550-20228-5