Habe ich wirklich seit September hier keinen neuen Text mehr eingestellt?
Seltsam. Noch nie hätte ich so viel zu schreiben, und noch nie habe ich so wenig geschrieben. Woran liegt’s?
Es liegt vor allem sicher daran, dass ich in meinem neuen Pastorinnenjob mehr spreche als schreibe. Den großen Themen, die da seit dem letzten Herbst mit Macht über uns hereingebrochen sind, stelle ich mich derzeit vorrangig in Predigten und anderen Formen der direkten Kommunikation mit unserer Gemeinde. Einige dieser Predigten werden bald auf www.kreuzbergprojekt.de zu finden sein, sobald wir es dann mal geschafft haben, die Seite zu aktualisieren.
Letzten Herbst hatte ich ja noch den schönen, nur leider zu ambitionierten Plan, die Predigtreihe zu Themen aus dem feministischen Diskurs schriftlich auf diesem Blog nachzubereiten. Doch sowas haut nicht hin, denn am Dienstag nach einem Predigtsonntag beginnt jeweils schon wieder eine ganz neue Arbeitswoche mit Sitzungen, Gesprächen, viel organisatorischer Arbeit und am Ende einem weiteren Gottesdienst (oder sonstigem Gemeindeformat). Ein kleiner Instagram-Post (#juttakbp) mit Foto und zwei oder drei Sätzen geht immer, aber das ausführliche Durchdenken muss dann erst mal ausfallen. Aber schon auch deswegen, weil die Dinge, mit denen wir in den letzten Monaten konfrontiert worden sind, schlicht zu groß sind, als dass ich sie überhaupt umfassend bearbeitet bekommen könnte.
Der 7. Oktober war ein Schock. Dass nur einen Steinwurf von unserem Gemeindeort entfernt das Massaker an der israelischen Bevölkerung auf der Straße gefeiert wurde, war erst mal schlicht zu viel. Tagelang lief ich immer wieder zu dieser Kreuzung Sonnenallee Ecke Reuterstraße und fühlte mich dabei sehr sehr klein und ohnmächtig. Im Januar, als ich einigermaßen die Sprache wiedergefunden hatte, habe ich das Thema Israel und Antisemitismus in einer Predigt bearbeitet mit der Quintessenz: Ich will, dass es aufhört. Die Gewalt auf beiden Seiten muss aufhören. Hier in Neukölln ist es gerade wieder verhältnismäßig ruhig auf den Straßen. Aber gleichzeitig muss auch dieser plötzlich auch in linken Kreisen salonfähige Antisemitismus wieder aufhören. Es macht mich wütend, dass jüdische Menschen sich in Deutschland nicht mehr sicher fühlen. Und ich mag erst mal kein Baklava mehr sehen.
Am 10. Januar wurden die Correctiv-Enthüllungen über das Geheimtreffen in Potsdam veröffentlicht. Unser jüngster Pflegesohn zählte mir daraufhin alle Menschen in seinem Umfeld auf, die nach den dort diskutierten Plänen das Land verlassen müssten: ein Klassenkamerad (tatsächlich nur einer. Wir wohnen in Pankow). Ein Horterzieher. Die Friseurin. Sogar der eigene große Pflegebruder. Was für ein Wahnsinn. Ich muss aber auch feststellen, dass Rassismus nicht nur ein Höcke-Problem ist, sondern ein allgemeines. Wenn ich mir nur allein ansehe, welche Menschen in meinem Umfeld aktuell eine neue Wohnung in Berlin finden und welche nicht. Wenn du nur eine Spur dunkler bist als biodeutsch, bist du in den allermeisten Fällen schlicht von vorneherein raus aus dem Rennen.
Und am 25. Januar wurden dann auch noch die Ergebnisse der ForuM-Studie zu sexualisierter Gewalt in der EKD und Diakonie veröffentlicht. Ich hatte zwar vor langer Zeit schon aufgehört, mich über irgendwas zu wundern, was ich an Scheußlichkeiten innerhalb kirchlicher Kreise zu Ohren bekomme – Fälle von sexualisierter Gewalt in Gemeinden und frommen Einrichtungen begegnen mir in irgendeiner Form seit Anfang der 1990er immer wieder, aber bis 2010 hatte ich das für ein typisch freikirchliches Phänomen gehalten. Dass es in der evangelischen Landeskirche überhaupt nicht besser aussieht als bei den Freikirchlern und Katholiken: dazu fällt auch mir dann erst mal lange nichts mehr ein.
Inzwischen leite ich nun ja selbst hauptamtlich eine Gemeinde unter dem Dach der Evangelischen Kirche und bin damit natürlich auch selbst in der Verantwortung, dafür zu sorgen, dass diese Gemeinde der sichere Raum ist, der eine Gemeinde von reinen Selbstverständnis her sein sollte. Natürlich möchte ich es gerne besser machen als andere. Ich sehe aber auch, dass genau da die Falle lauert. Denn es sind ja gerade die, die sich für die Guten halten, die besonders schnell drin landen.
Ich habe inzwischen eine Schulung zum „Hinschauen – helfen – handeln“ der EKBO besucht und werde mich innerhalb der Berliner Stadtmission mit um die Entwicklung von Schutzkonzepten und Präventionsarbeit kümmern. Das Thema wird also in meiner Arbeit auch weiterhin einen breiten Raum einnehmen. Immerhin heißt ja auch das Haus, in dem ich arbeite, Refugio. Zuflucht. Eine solche soll das Haus auch sein für alle Menschen, seien sie jüdisch, arabisch, afrikanisch, queer oder irgendetwas anderes. Nach dem letzten halben Jahr ist mir so deutlich wie noch nie, was das für eine Herausforderung ist.
Zu den lichten Momenten in diesen Monaten gehörten so einige neue Bücher, deren Premieren ich besucht habe und die ich gerne alle etwas ausführlicher gewürdigt hätte. Daniel Schreiber (Die Zeit der Verluste) und Dörte Grimm (Es ist einmal, mit Sabine Michel) haben sehr lesenswerte Bücher geschrieben. Für mich herausragend ist der Roman Bis wir Wald werden von Birgit Mattausch. In Kürze tatsächlich ausführlicher schreiben werde ich aber über das neue Buch von Jason Liesendahl. Dem habe ich das nämlich zugesagt.
Ansonsten gab es natürlich auch neue Räume, über die ich etwas hätte texten können. Aber über die Jugendherberge Bad Schandau kann ich eigentlich nur sagen, dass sie wunderbar ist für Leute, die von dort baldmöglichst weiterwandern wollen.
Das ist jetzt doch ein langer Text geworden. Aber kürzer ging es beim besten Willen nicht.
Nur eines noch: Wer in diesem Jahr nur Zeit für ein einziges Buch hat, der greife doch bitte zu Triggerpunkte von Steffen Mau & Co. Dieses Buch erklärt die Welt, wie wir sie derzeit haben. Durch diese Welt hindurch finden müssen wir dann natürlich selber. Mit Gottes Hilfe – aber darüber spreche ich ja immer sonntags.