Mein 7. Oktober

Was mache ich wohl heute an diesem heiklen Datum? Nun ich verbringe den 7. Oktober im Kreise meiner Familie im beschaulichen Pankow, weit ab von allen Neuköllner Straßendemos. Denn erstens ist heute Montag, und den nehme ich mir in aller Regel frei. Und zweitens ist der 7. Oktober, und war für mich auch schon immer: mein Geburtstag.

Der 7. Oktober ist seit einem Jahr zur Chiffre geworden für einen unfassbaren Gewaltexzess und gilt schon jetzt als die Markierung einer Zeitenwende. In all dem, was inzwischen über den 7. Oktober und dessen Folgen gesagt und geschrieben wurde – vieles davon ist ähnlich unfassbar wie das Massaker selbst – habe ich selbst zwischendurch tatsächlich fast vergessen, welche private Bedeutung dieses Datum für mich selbst hat. Wie soll ich auch an so einem Datum feiern? Da ist es fast schon gut, dass ich mir das Feiern des eigenen Geburtstags über die Jahre hinweg sowieso ziemlich abgewöhnt habe. Wie es Müttern wohl häufiger passiert, habe ich gehört.

Dennoch lasse ich mir dieses Datum nicht nehmen. Es ist immer noch mein Tag. Den ich auf meine Weise begehe. An dem ich mich daran erinnere, dass ich auf dieser Welt bin, dass ich so bin, wie ich bin, und dass meine eigene Haltung und mein eigener Charakter wichtig sind und deshalb gepflegt werden wollen.




Mein Mann hat mir die neuesten CDs von Nick Cave und David Gilmour geschenkt, und dazu Jens Balzers Essay After Woke. Und weil ich an meinem Geburtstag das machen darf, was ich möchte, gibt es hier – eat this! – ein paar Zitate von Jens Balzer, der, wie ich finde, Recht hat mit dem, was er schreibt. Wie auch immer ihr darauf reagieren möchtet: Reißt euch gefälligst zusammen. Ich habe schließlich Geburtstag.




Eine Bewegung, die sich den Slogan „stay woke“ auf die T-Shirts, Demonstrationsschilder und Fahnen schreibt und also behauptet, gegenüber jeglicher Diskriminierung wachsam zu sein und für die Teilhabe marginalisierter Gruppen am öffentlichen Diskurs einzutreten, dann aber jüdische Menschen von dieser Teilhabe ebenso explizit ausschließt wie sie ihnen die Solidarität im Kampf gegen Diskriminierungen verweigert – eine solche Bewegung zeigt nicht nur einen Zug ins Bigotte, sondern hat auch etwas verloren, das mir für eine positive Bestimmung des „woke“-Begriffs entscheidend zu sein scheint: die Bereitschaft und die Fähigkeit zur Selbstreflexion, zur Selbstbefragung darauf, ob der eigene Blick auf die Welt diese in ihrer Komplexität zu erfassen vermag oder ob man nicht an manchen Stellen selber wieder auf das einfache Schema aus Schwarz und Weiß verfällt, das man doch eigentlich angetreten war zu überwinden.




Die intellektuell avantgardistische Feier der Transgression schlägt eben dort ins Reaktionäre um, wo eine sich als maximal transgressiv verstehende Avantgarde alle anderen Lebensentwürfe als reaktionär diskreditiert; und wo sie glaubt, aus dem Bewusstsein ihres Avantgardismus eine intellektuelle und moralische Überlegenheit ableiten zu können, die sie in Wahrheit jedoch von jedem realistischen Verständnis der Komplexität der Lebenswelt, der politischen Verhältnisse und der Selbstverhältnisse abschneidet. Wer immer sich der einst von der postmodernen, postkolonialen, queerfeministischen Linken aufgespannten Tradition zugehörig fühlt, muss diese Erkenntnis in die überfällige Selbstkritik und Selbstreflexion aufnehmen – alles andere führt im besseren Fall in die Irrelevanz eines elitären Sektierertums und im schlechteren Fall in den Terror.

Jens Balzer, After Woke. Matthes & Seitz Berlin, 2. Auflage 2024, ISBN 978-3-7518-3018-8.

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