Der Song deines Lebens

Gestern hatten wir im Kreuzbergprojekt wieder besondere Musik im Gottesdienst: Gospel mit Simon & the Paternosters. Ich finde es immer ziemlich schwierig, auf die Energie dieser Musik noch eine passende Predigt draufzusetzen. Hier ist sie, so wie ich sie als Manuskript vor mir hatte. Über Lukas 1,39-55, das sogenannte Magnifikat, und darüber, dass Maria wohl eher wie Aretha Franklin geklungen haben muss. In diesem Sinne: Frohe Weihnachten!

„Ein Mädchen, eigentlich zu jung, um schwanger zu sein. Vermutlich nicht älter als 13 oder 14. Trifft eine Frau, die eigentlich schon zu alt war, um schwanger zu sein. Dass die alte sich freut, was klar. Aber die Junge?

Sie hat gerade erst vor kurzem erfahren, dass sie schwanger ist. Der Vater ist irgendwie unklar. Der Heilige Geist? Wer soll ihr sowas glauben?

Eine Teenieschwangerschaft ist heute eine blöde, eine schwierige Lage. Damals war es lebensgefährlich. Diesem Mädchen droht die Steinigung. Kein Wunder, dass sie erst mal abhaut. Zu einer Person, die sie kennt. Diese Verwandte, Tante dritten Grades oder so: Elisabeth.

Und diese Elisabeth hat dieselbe Eingebung, sagt dasselbe, was schon dieser Engel, diese seltsame Gestalt, zu Maria gesagt hat: der Sohn, den du bald zur Welt bringst, wird die Welt retten. Das ist der Messias, der Erlöser. Er kommt, und zwar durch dich.

Es ist also wirklich wahr. Elisabeth konnte die Geschichte ja vorher nicht gehört haben, es war eine echte Eingebung vom Heiligen Geist, dass sie das gesagt hat. Es stimmt also. Maria hat es nicht nur geträumt. Es ist so, wie es ist: Diese schwangeren Frauen, diese ganz banalen Gestalten aus dem Hinterland, sie schreiben Geschichte.

Und Maria fängt an zu singen. Das hier ist ein Lied. Und wenn orientalische Frauen anfangen zu singen, dann fangen sie gleichzeitig auch an zu tanzen. Das haben wir in Europa ziemlich verlernt. Simon ist ja gerade dabei, uns das wieder beizubringen. Ich ahne, dass diese bleichen Marienfiguren im blauen Gewand nicht viel mit dieser Geschichte zu tun haben. Ich finde, Maria war eher eine Figur wie Aretha Franklin. (Die war übrigens auch schon sehr jung Mama.) Maria war nicht leise und bescheiden. Die hat mit ihrem Song richtig Gas gegeben. Die fegt hier durchs Haus mit voller Lautstärke und reißt alle anderen mit sich. Und dieser Song hat sich in deren Köpfen festgesetzt. So konnten sie ihn später dem Evangelisten Lukas zu Protokoll geben, der ihn hier niedergeschrieben hat. Die Musik dazu können wir uns leider nur in der Phantasie vorstellen, aber dieser Text!

Denn was singt sie da? „Er hebt seinen starken Arm und fegt die Überheblichen hinweg. Er stürzt die Machthaber vom Thron und hebt die Unbedeutenden empor.“ Das ist nicht mal ein Protestsong, das ist der Song einer Siegerin. Die Mächte dieser Welt liegen am Boden, sie haben nichts mehr zu sagen, sie machen mir keine Angst mehr. Das ist ein Lied der Befreiung, der Freude.

Maria steht damit in einer Reihe von Frauen in der Bibel, die spontan angefangen haben zu singen, als sie einen Sieg, eine Befreiung erlebt haben.

Und nicht nur Frauen. Auch Männer – Mose, David – fangen an zu singen, wenn sie von Gott aus einer Gefahr befreit wurden. Das Volk Israel hat gesungen, nachdem es von Gott aus Ägypten befreit worden war. Das ist ja so die Urerfahrung des Volkes Israel: dass es durch Gott aus der Sklaverei in Ägypten befreit worden ist. Der Pharao ist machtlos, seine Streitwagen sind im Roten Meer versunken. Das Volk ist draußen! Frei!

Genau das ist auch der Ursprung der Gospelmusik, dieser Musik, die wir heute hören: entstanden bei den schwarzen Sklaven in den USA, die sich mit dieser Geschichte identifiziert haben. Die Unterdrückung durch die Weißen. Die Sklaverei, in der sie sich befanden. Und die Sehnsucht nach Befreiung. Sie haben angefangen zu singen. Sie hatten diese Botschaft gehört von dem Gott, der befreit. Sie haben diese innere Befreiung rausgesungen und nach und nach hat diese Befreiung auch tatsächlich stattgefunden. Es hat gedauert, viel zu lange. Aber die Sklaverei wurde abgeschafft, die schwarze Bevölkerung bekam immer mehr Rechte zugestanden. Und es ist noch längst nicht geschafft, da ist immer noch ein Stück weg zurückzulegen bis zu einer völligen Gleichstellung von Menschen aller Hintergründe. Aber diese Lieder erzählen davon, diese Lieder haben eine Kraft, die nicht von dieser Welt ist. Gott ist der wahre Herr der Geschichte, und Gott hat andere Maßstäbe als diese Welt. Er fegt die Überheblichen hinweg. Er hebt die Unbedeutenden empor.

Das war diese Erkenntnis, von der Maria getroffen wurde. Gott schreibt mit so gewöhnlichen Menschen Geschichte, mit einem Teeniemädchen vom Land. Wenn Gott solche Menschen gebraucht, dann kann das ja im Prinzip jeder von uns sein. Das ist hier genau die Pointe. Wenn Gott eine Person wie Maria zur Hauptfigur seiner Geschichte macht, dann könnte uns allen das genauso passieren. Man stelle sich das mal vor …

Was gäbe es für mich zu singen? Was wäre der Song meines Leben? Wo habe ich Befreiung erfahren, wo sehne ich mich noch danach? Welchen Text nehme ich dafür, welche Musik?

Ein Rabbiner hat mal gesagt: In jeder Generation muss sich jeder immer wieder aufs Neue als jemand begreifen, der selber persönlich aus Ägypten befreit worden ist.

Eben: die Ursprungsgeschichte des Volkes Israel. Aber es ist auch die Geschichte der Christen. Es ist eine ganz persönliche Geschichte für jeden von uns. Wo, in welcher Hinsicht, habe ich Befreiung erfahren? Wo sehne ich mich noch nach Befreiung? Der Retter ist da. Wir feiern Weihnachten. Christ der Retter ist da.

Und diese innere Befreiung strebt nach der äußeren Befreiung. Das wird nicht einfach. Als Maria das singt, weiß sie noch nicht, was alles auf sie zukommt. Dass sie unter ganz prekären Umständen entbinden wird. In einem Stall. Dass sie kurz darauf vor dem Herrscher flüchten muss, der Wind davon gekriegt hat, dass ihm da einer seinen Thron streitig machen will. Sie flüchten nach Ägypten, ausgerechnet. Aber das war dann inzwischen zu seinem sicheren Pflaster geworden.

Das sollte alles noch kommen, dieser ganze Ärger, diese ganzen Schwierigkeiten, weil sie Befreiung erlebt hat. Nachdem sie dieses Lied gesungen hat. Aber ich bin überzeugt: sie hat dieses Lied mitgenommen. Dieses Bewusstsein, das sich in diesem Lied ausdrückt, das hat sie durchgetragen.

Lieder können uns durchtragen. Singen als Aufstand gegen die Unterdrückung, gegen die Mächtigen dieser Welt. Gerade heute, wo in der Welt so eine Art Rolle rückwärts passiert, wo es plötzlich wieder ein paar wenige starke Männer sind, die denken, sie könnten die Welt beherrschen. Plötzlich sind die Autokraten wieder da. Man fasst es nicht. Wir dachten, das wäre überwunden … Aber es ist längst klar: diese Männer haben nicht das letzte Wort. Gott ist der, der die Geschichte lenkt. Und Gott schreibt Geschichte durch andere Menschen. Durch solche wie wir.

Was ist der Song deines Lebens?

Amen.“

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