Worüber soll ich übernächsten Sonntag predigen? An solchen Sonntagen, an denen mir gar nichts anderes einfällt, greife ich in der Regel gerne zu den vorgegebenen Perikopentexten. Aha, Lukas 10,38-42. Die Erzählung von Maria und Martha.
Über diese Passage habe ich schon unzählige Predigten, Andachten und was nicht alles gehört: Wie gut es der Seele tue, wenn man mal die Dinge des Alltags aus der Hand legt und sich stattdessen zu Füßen Jesu setzt und in Ruhe seinen Worten lauscht. Und jedes Mal ärgert mich das.
Diese Aussagen über die Vorzüge der stillen Erbauung sind ja vielleicht gar nicht mal verkehrt. Nur ist es als Auslegung dieser Stelle einfach ein ganz großer Bullshit. Leute: Hier sitzt eine Frau (!) zu Füßen eines Rabbis. Eine Frau in der Position eines Toraschülers. Das ging damals gar nicht. Und dann sagt Jesus auch noch, dass das besser sei als sich um die Versorgung des Gastes zu kümmern, was die eigentliche Rolle der Frauen damals war.
Diese Geschichte ist keine kleine Anekdote zur inneren Erbauung, sondern ihre Kernaussage ist nichts weniger als eine Bombe für die damaligen gesellschaftlichen Verhältnisse. Und genau so sollte man auch über diesen Text predigen, finde ich. Ich erinnere mich recht gut, wann ich diese Auslegung das erste Mal gehört habe: Auf einer Freizeit im Sommer 1986, also vor knapp 40 Jahren. Umso mehr wundere ich mich, dass eine solche Art der Auslegung immer noch als feministisch gilt. So, wie es mich auch wundert, dass gerade in den letzten Jahren wieder immer mehr Bücher erscheinen, die den Feminismus auf eine Weise thematisieren, als ob dieser eine ganz neue Idee sei.
Ich selbst käme nie auf die Idee, mich als Feministin zu bezeichnen, obwohl ich natürlich feststelle, dass meine Ansichten sich in vielem mit dem decken, was den Feminismus ausmacht. Denn ich finde: das Prinzip, dass Frauen und Männer gleichwertig sind, gleiche Fähigkeiten besitzen und gleiche Möglichkeiten und gleiche Anteile am gesellschaftlichen Leben usw. haben sollten, ist kein Feminismus, sondern schlicht eine Selbstverständlichkeit.
Kann natürlich sein, dass dazu auch meine familiäre Ersterfahrung beigetragen hat. Ich bin mit vier großen Brüdern aufgewachsen. Vermutlich pflege ich deshalb schon immer einen entspannten Umgang mit männlichen Peers, weil mir genau das total vertraut ist. Mir fällt es oft gar nicht auf, dass ich permanent sowohl im Beruf als auch privat mit mehr Männern als Frauen zu tun habe. Meine Brüder hatten aber zum Beispiel auch gegenüber unseren Eltern ganz instinktiv-eigennützig eine egalitäre Behandlung der kleinen Schwester eingefordert („Die kann ihr Fahrrad ja wohl selber aufpumpen!!“). Mag sein, dass mich deswegen die Bücher von Sophia Fritz & Co. nicht wirklich erreichen: ich war ganz einfach nie Teil einer rein weiblichen Blase, habe meine eigene Weiblichkeit nie als irgendwas Spezielles empfunden, das mich von bestimmten Tätigkeiten ausgeschlossen hat, und ich bin auch durchaus froh darüber.
Natürlich fällt mir aber auch auf, dass wir von dieser gesellschaftlichen Gleichheit insgesamt noch weit weg sind. Aber wer die Forderung nach mehr Gleichheit mit den Etikett „Feminismus“ versieht, gibt ihm dadurch wieder den Status einer speziellen Ansicht (eines „Ismus“ eben), die sich umso leichter als Meinung einer Randgruppe einsortieren lässt. So wird das nie was. Der Ismus gehört auf die andere Seite: Es ist der alte Patriarchalismus, der verhindert, dass man einen Bibeltext wie Lukas 10,38-42 als das liest, was er aussagt: dass nämlich Jesus selbst diese Gleichheit ganz selbstverständlich gelebt hat. Die mit der Randmeinung sind seither die anderen.
Nachdem das nun gesagt ist, suche ich mir für den übernächsten Sonntag dann einen anderen Predigttext. In der Bibel gibt es noch so viele Texte, die noch viel zu wenig Beachtung erfahren haben. Vorschläge nehme ich gerne entgegen.