Es war einiges los letzten Samstag in Berlin. Unter anderem gab es den sogenannten „Marsch für das Leben“ und eine Gegendemonstration zu selbigem. Lustigerweise erreichten mich von beiden Seiten Einladungen dazu. Und was habe ich am Samstag gemacht? Ich war mit einem meiner Söhne im Olympiastadion und schaute mir Hertha BSC gegen den SC Paderborn an.
Man muss zwischen diesen Dingen keinen Zusammenhang herstellen. Von mir aus betrachtet gibt es da auch keinen, denn so interessant fand ich diese Demos gar nicht, als dass ich mir darum groß Gedanken gemacht hätte. Man könnte aber einen Zusammenhang konstruieren, wenn man wollte. Und ich muss in meiner Position als kirchliche Amtsträgerin damit rechnen, dass mir auch eine Nichtaussage als Aussage ausgelegt werden könnte. Es kann durchaus sein, dass mir eines Tages völlig berechtigte Fragen gestellt werden, die anfangen mit: „Wo warst du, als …?“ Und ich werde mir die Frage gefallen lassen müssen, warum ich in einem Moment, der sich eines Tages als der entscheidende Moment herausgestellt hat, nichts gesagt habe und nicht an dem Ort war, an dem mein Dagegenhalten wichtig gewesen wäre.
Es gibt derzeit viele solche Momente, die sich eines Tages als entscheidende Kipppunkte in einer Entwicklung herausstellen könnten. Der Mord an Charlie Kirk könnte ein weiterer solcher Moment sein. Tagelang habe ich mich nun gefragt, ob es wirklich nötig ist, dass ich, nachdem viele andere Menschen dazu wertvolle klare Worte geschrieben haben, auch noch meinen Senf dazu gebe. Wirklich etwas Neues habe ich dazu tatsächlich auch nicht mehr hinzuzufügen. Diese Show im Baseballstadion letzten Sonntag, auf der ein sogenannter „Märtyrer“ und unter christlichem Deckmantel die White Supremacy gefeiert wurde, war ebenso wie vieles, was Charlie Kirk zu Lebzeiten von sich gab, reine Blasphemie. So gut wie alles, an das ich glaube, wird in dieser Bewegung mit Füßen getreten. Annette Behnken liegt durchaus nicht ganz falsch, wenn sie im Wort zum Sonntag davon spricht, dass hier der Diabolos am Werk ist: Die Religion von Charlie Kirk und seinen Anhängern ist nicht meine Religion.
Seit Sonntag ist deswegen nun auch die Liste der Lieder, die wir in unserer Gemeinde nicht mehr singen werden, nochmal länger geworden. Wir singen keine Lieder von Leuten, die sich an solchen bigotten Veranstaltungen beteiligen. Da ziehen wir klare Grenzen.
Und doch kann Abgrenzung nicht alles sein. Nachdem nun gesagt ist, was ich nicht glaube, möchte ich mich wieder – umso mehr – darum kümmern, das zu leben und zu zeigen, was ich glaube. Letzten Sonntag, am selben Tag wie diese ominöse Veranstaltung in Amerika, feierten wir auf einem belebten Platz mitten in Kreuzberg einen besonderen Gottesdienst. Gemeinsam mit der Methodistengemeinde am Ort und der Evangelischen Kirchengemeinde feierten wir fröhlich Erntedankfest. Wir haben unsere Lieder gesungen und unsere Botschaft von der wärmenden Liebe und Freundlichkeit Gottes gepredigt und der Platz war voll mit neugierigen Menschen. Kinder haben die Straße angemalt und Riesenseifenblasen fliegen lassen. Und ich habe es besonders gefeiert, dass das Thema des Gottesdienstes, der Sonnengesang des Franziskus, ohne dieses grässliche Lied ausgekommen ist, das man nun endgültig auch nicht mehr singen kann, seit man weiß, dass sein Autor noch viel grässlicher war. Es gibt schließlich auch noch andere Lieder, die man singen kann. Die meisten davon werden erst noch geschrieben.