Die Ehe für alle ist da. Warum ich das gut finde.

Letzten Freitag wurde im Bundestag die „Ehe für alle“ beschlossen. Ab sofort können also auch gleichgeschlechtliche Paare standesamtlich heiraten. Die Evangelische Allianz Deutschland, das größte Netzwerk im evangelikalen Bereich, hat sich dazu in einer Stellungnahme ablehnend geäußert. Ich bin zwar viel in evangelikalen Kreisen unterwegs, aber ich teile diese Ansicht nicht. Die Gründe dafür möchte ich hier kurz darstellen und entschuldige mich dabei schon mal für manche allzu grobe Verkürzung – zu einigen Dingen gäbe es durchaus noch mehr zu sagen.

 

Die biblische Grundlage ist dünn.

Die Aussagen der Bibel zum Thema Homosexualität sind nicht gerade üppig. Die Aussagen in 3.Mose 18, 22 und 20,13 stehen inmitten einer Reihe von Reinheitsgeboten, deren Inhalt allgemein als aufgehoben gilt. Das Tragen von zweierlei Gewebe gilt heute nicht mehr als Gräuel, und ich begebe mich auch nicht vors Lager, wenn ich meine Tage habe. Es ist insofern nicht so recht nachvollziehbar, wieso ausgerechnet diese Stelle dann bis heute relevant sein soll.

Am deutlichsten ist wohl noch die Stelle in Römer 1,26-27, wo Paulus im Zusammenhang mit der Sündhaftigkeit der Menschheit davon spricht, dass Menschen „den natürlichen Umgang vertauscht mit dem widernatürlichen“ haben. Dies wird klassisch dahin ausgelegt, dass Homosexualität eine Folge des Sündenfalls bzw. an sich Sünde sei.

Hierzu haben diverse homosexuelle Menschen geäußert, dass sie diese Auslegung nicht nachvollziehen können, weil sie von sich selbst nicht sagen können, dass sie irgendetwas „vertauscht“ hätten. Ein homosexueller Mensch hat sich seine Orientierung ja nicht selbst ausgesucht, sondern sie irgendwann in sich gefunden. Sie ist für ihn der Normalzustand. Niemand hat hier irgendetwas vertauscht. Was auch immer Paulus hier meint: Es trifft auf echt homosexuelle Menschen nicht zu.

Plausibler finde ich die Auslegung, dass Paulus hier von den damals tatsächlich gängigen Praktiken der griechisch-römischen Oberschicht schreibt, die sich in ihren Orgien, obwohl heterosexuell, tatsächlich auch gerne mal am anderen Ufer vergnügt hat. Das ist etwas ganz Anderes als das, was ein ganz gewöhnlicher homosexueller Mensch lebt. (Dass ein solcher besonders zu Ausschweifungen und Promiskuität neige, ist ein in frommen Kreisen nach wie vor gepflegtes Vorurteil, für viele Homosexuelle aber eine üble Unterstellung.)

Das ist schon alles, was die Bibel zu homosexuellen Handlungen sagt. Zu Homosexualität an sich sagt sie gar nichts. Das kann sie auch gar nicht, weil solche Begrifflichkeiten erst in unserem modernen Denken entstanden sind. Die Bibel spricht nicht so sehr davon, wie ein Mensch ist, als davon, was ein Mensch tut.

Angesichts dieser dürftigen Quellenlage finde ich es ungeheuerlich, dass daraus eine Lehre gestrickt wurde, die unzählige Menschen in die soziale Ächtung, den Ausschluss aus geistlicher Gemeinschaft und ein Leben in permanenter Verleugnung getrieben hat. Für mich stellt es sich so dar, dass die klassische Auslegung eher von homophoben Reflexen und Vorurteilen geprägt ist als vom nüchternen, selbstkritischen Hören auf den Bibeltext.

 

Sünde?

Man ist sich heute weitgehend sicher, dass die Entstehung von Homosexualität genetisch bzw. epigenetisch bedingt ist und weder durch die Person selbst noch durch deren soziale Umgebung beeinflusst werden kann. Somit sind erstens alle Programme zur „Heilung“ von Homosexuellen sinnlos und zweitens alle Befürchtungen haltlos, die Jugend könne durch „falsche“ Vorbilder „verdorben“ werden. Diese Erkenntnisse haben sich in den letzten Jahren zunehmend doch auch in christlichen Kreisen verbreitet. Christliche Psychologen und Berater, die einem wissenschaftlichen Standard entsprechen wollen, werden nie versuchen, eine homosexuelle Person umzupolen.

 

Schöpfungsordnung von Mann und Frau?

Die Auslegung der biblischen Schöpfungserzählungen und überhaupt der ersten Kapitel der Genesis wäre ein Thema für sich. Was aber von vorneherein klar ist: Diese Texte sind keine sachliche Beschreibung der Welt und schon gar keine erschöpfende. Bei Thema Mann und Frau wird das schon durch die Existenz von intersexuellen Menschen deutlich. So einfach ist es eben nicht, dass der Mensch nur als Mann und Frau und das Zusammenleben nur als gemischtgeschlechtlich möglich sei. Und zumal sich die Schöpfung im Lauf der (Heils-)Geschichte weiterentwickelt und auch in der Bibel die Lebensformen zunehmend vielfältiger werden, finde ich es problematisch, diese Ursprungsform als Ideal für alle Zeiten darzustellen. So propagiert z.B. Paulus ausdrücklich die Ehelosigkeit – eine Lebensform, die von der Schöpfung her gedacht im Prinzip ebenso „wider die Natur“ ist wie eine homosexuelle Partnerschaft.

 

„Auf die Weitergabe des Lebens hin angelegt …“

Ein häufiges Argument ist auch, dass nur eine Verbindung von Mann und Frau fruchtbar und somit auf die Weitergabe des Lebens hin angelegt sei. Nun ja – nicht jede heterosexuelle Ehe ist fruchtbar. Niemand findet es anstößig, dass auch Frauen jenseits der Menopause heiraten. In Sachen Fruchtbarkeit sind z.B. mein Mann und ich gleich weit wie ein homosexuelles Paar. Davon, dass wir theoretisch fruchtbar wären, können wir uns nun nicht wirklich was kaufen.

Der Bruder unserer Pflegekinder wächst bei zwei Pflegepapas auf, die, soweit wir wissen, einen prima Job machen. In der Jugendhilfe hat es sich längst herumgesprochen, dass das Geschlecht der Pflegeperson(en) für das Kindeswohl irrelevant ist. (In manchen Fällen werden solche Konstellationen sogar gezielt genutzt: Wenn z.B. die Kindesmutter eine Pflegemutter zu stark als Konkurrentin empfinden würde, können zwei männliche Pflegeväter in der Situation entspannend wirken.) Weibliche Identifikationsfiguren können solche Kinder auch in ihrer weiteren Umgebung finden. Es braucht ja ohnehin das sprichwörtliche Dorf, um ein Kind zu erziehen – das gilt für gleichgeschlechtliche Elternteile ebenso wie für Alleinerziehende und nicht zuletzt auch für uns gemischtgeschlechtliche Eltern.

 

Gesetz oder Leben?

Es ist in meinen Augen höchst fraglich, ob eine homosexuelle Partnerschaft nach biblisch-ethischen Kriterien überhaupt ein Problem darstellt. Dazu sind die biblischen Aussagen schlicht zu wenig eindeutig.

Wenn aber jemand nach biblisch-ethischen Kriterien ein eindeutiges Problem hat, dann bin ich das. Ich habe laut Matthäus 5,32 die Ehe gebrochen, als ich meinen Mann geheiratet habe, denn dieser hatte bereits eine Scheidung hinter sich. Das ist eine klare biblische Aussage, an der es wenig zu deuten gibt. Trotzdem kann ich mich nicht erinnern, im kirchlichen Kontext je Probleme bekommen zu haben, obwohl ich eine doch ziemlich eindeutige Sünde begangen habe. Das Thema Wiederheirat Geschiedener ist in unseren Kreisen wohl einfach bereits ausdiskutiert – man ist hier zu dem Schluss gelangt, die Sache nach dem Prinzip Jesu zu handhaben, laut dem nicht der Mensch fürs Gesetz, sondern das Gesetz für den Menschen sein soll und ethische Überlegungen immer auf die Förderung des Lebens statt dessen Unterdrückung zielen sollen.

Wenn in diesem klaren Problemfall so entschieden wird, wieso sollte das dann nicht umso mehr für den vergleichsweise unklaren Fall einer homosexuellen Partnerschaft gelten? Wenn man es mir und meinem Mann gestattet, wieder zu heiraten, wieso sollte man es anderen Menschen nicht gestatten, überhaupt zu heiraten? Die Welt der Frommen hat in diesem Bereich wirklich genug Unheil gestiftet. Ich finde, es ist höchste Zeit, es besser zu machen.

2 Gedanken zu “Die Ehe für alle ist da. Warum ich das gut finde.

  1. Avatar von Frank Frank

    Hallo Jutta, ich bin über facebook auf deinen Blogbeitrag gestoßen und habe ihn interessiert gelesen. Einige deiner Gedanken finde ich nachdenkenswert (und dein Grundanliegen zu vermitteln statt auszugrenzen oder zu verurteilen nachahmenswert), andere sind wie du selbst sagst sehr verkürzt (man könnte dir auch vorwerfen, deine Argumentation sei sehr „dünn“) und wieder andere finde ich aus christlicher Sicht befremdlich oder sogar falsch.
    Zwei Punkte, die mir besonders aufgefallen sind:
    1. Deine Ausführung zu „vertauscht“ unterstellt, dass nur etwas falsch sein kann, dass man aktiv begeht (oder sich bewusst aussucht). Beruht nicht aber der christliche Glaube gerade auf dem Sündenfall, nach dem der Mensch per Definition zunächst „Sünder“ ist, was erst die rettende Gnade Jesu nötig macht, die wiederum jedem zugänglich ist, der „Buße“ tut? Insofern spricht die Bibel auch in erster Linie davon, wie ein Mensch ist (also sein Stand vor Gott) und nicht so sehr was er tut (weil es kein Verdienst sondern Gnade ist und letztlich Gott etwas tut).
    2. In einigen Punkten drängt sich der Eindruck auf, als würdest du dich oder deine Lebensumstände zum Maßstab erheben (z.B. beim Theme Fruchbarkeit oder Wiederheirat). Hältst du nun Wiederheirat für eine Sünde (dann müsste darauf aus christlicher Sicht „Buße“ folgen) oder die „klaren biblischen Aussagen“ als unerheblich (nur weil du keine Probleme im kirchlichen Kontext bekommen hast)? Sind die teilweise klaren Aussagen Jesu nur gültig, wenn sie „nicht auf Unterdrückung zielen“? Versteh mich bitte nicht falsch, nach biblischer Lehre sind wir alle Sünder und bedürfen der Gnade, aber setzt das nicht ein „bußfertiges Herz“ voraus?
    Insgesamt finde ich dein Grundanliegen richtig, „homophoben Reflexen und Vorurteilen“ entgegenzutreten (und Menschen aus der sozialen Ächtung herauszuholen), allerdings argumentierst du als Christin und verneinst m.E. dabei doch fundamentale christliche Wahrheiten. Wie soll das zusammen passen?
    Ausdrücklich möchte ich meinen Kommentar nicht als Angriff verstanden wissen, sondern als kritische Reaktion und Nachfrage. Ich bin mit diesem Thema (wie mit so vielen anderen auch) noch nicht fertig und versuche mir selbst, eine Meinung zu bilden.

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  2. Hallo Frank,

    danke für deinen Kommentar! Freut mich, dass du dir Gedanken machst zu dem, was ich geschrieben habe. Das ist so, wie es da steht, wohl wirklich noch nicht so ganz wasserdicht, das kann es vermutlich auch nicht sein. Aber schön, dass du das Gespräch darüber suchst und mich dazu bringst, ein paar Dinge noch besser auf den Punkt zu bringen. Ich musste tatsächlich erst mal eine Weile nachdenken.

    1. Die Sache mit der totalen Gefallenheit des Menschen ist natürlich für uns Protestanten von grundsätzlicher Bedeutung. Ich möchte hier aber doch hinzufügen, dass nach christlichem Verständnis dem Sündenfall die Schöpfung vorausgeht, d.h. dass jeder Mensch einerseits gut geschaffen, andererseits total gefallen ist – der berühmte Widerspruch, in dem wir alle leben. Das müssen wir schon beides mit einbeziehen, wenn wir von der Bibel her denken wollen.

    Und dann frage ich mich, inwiefern der Sündenfall hier wirklich thematisch relevant ist. Die Sache ist ja gerade die: Wenn Homosexualität wirklich genetisch bedingt und durch den Menschen selbst nicht veränderbar ist, wovon und wozu soll der dann Buße tun? In der Stelle aus dem Römerbrief ist ausdrücklich von einem aktiven Vertauschen die Rede. Das trifft auf echte Homosexuelle einfach nicht zu. (Ich sage nicht, dass die nicht auch in so manchen Bereichen Buße nötig haben. Umkehren kann man aber nur von Dingen, die tatsächlich veränderbar sind.)

    Zum Sein und Tun des Menschen würde ich sagen: Diese Unterscheidung macht die Bibel nicht. Was ein Mensch ist, zeigt sich in der Bibel immer in dem, was er tut. Die Bibel besteht ja auch nicht aus dogmatischen Lehrsätzen, sondern überwiegend aus Geschichten davon, was Menschen getan haben.

    2. Meine Lebensumstände möchte ich in keiner Weise zum Maßstab erheben. Die sollten eher als Illustration dienen. Ich möchte hier jetzt auch nicht über Scheidung und Wiederheirat diskutieren – das wäre tatsächlich eine längere Diskussion über ethische Notordnungen, die Unmöglichkeit eines „sündlosen“ Lebens etc etc – sondern ich wollte einfach zeigen, wie sehr in christlichen Kreisen da gerne mit zweierlei Maß gemessen wird. Das erlebe ich ja nicht nur auf mich selbst bezogen. Ich habe in diesen Kreisen auch schon erlebt, dass eine (heterosexuelle) außereheliche Affäre als harmloser beurteilt wurde als eine treue homosexuelle Beziehung. Da stelle ich mir schon die Frage, welche Werte hier eigentlich gelten.

    So viel mal dazu. Ich weiß nicht, ob das deine Fragen beantwortet?

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