Das kleine Kreuz an deiner Wand

Religiöse Symbole in der Hand von Mächtigen verursachen bei mir stets ein flaues Gefühl im Magen. Dass es diesmal um das Symbol der eigenen Religion geht, macht es nicht wirklich besser. Der bayerische Ministerpräsident Söder hat beschlossen, den Eingangsbereich aller Behörden seines Bundeslandes mit einem Kreuz auszustatten. Wie bitte?

Sicher, die Bayern haben ein anderes Verhältnis zu Kreuzen als der überwiegende Rest des Landes. Ich erinnere mich an die vielen Wegkreuze, denen wir auf einem Familienurlaub im Allgäu begegneten. Wie der damals Vierjährige schaudernd vor einem detailreichen Kruzifix stand und ich genötigt war, ihm zu erklären, warum der da hängt und ob ihm das nicht weh tut (doch, tut es!). Schwere Kost für ein Kleinkind, auch wenn man sich auf das Allernötigste beschränkt. Natürlich habe ich ihn mit den grausamen Details darüber verschont, was bei einer Kreuzigung im menschlichen Körper geschieht. Da diese Dinger aber immer wieder in der Landschaft und in den Gaststuben herumstanden und -hingen, hat auch das Kind sie schließlich quasi als Möbelstücke hingenommen. Vielleicht kann man Herrn Söders Idee auf diese Weise ein Stück weit verstehen. Er sieht darin ja nach eigener Aussage ein „Symbol für unser Land“ und erst in zweiter Linie ein religiöses Symbol.

Dazu hat sich Kardinal Marx schon deutlich geäußert: Wer so redet, hat das Kreuz nicht verstanden. Das liegt ja eigentlich auch auf der Hand. Umso weniger kann ich verstehen, dass sich jetzt Leute, zu deren christlichem Spektrum ich mich zähle, lobend zu dieser Sache äußern. Offenbar ist man dort schon so froh, wenn ein prominenter Politiker ein Kreuz vor sich herträgt und damit zeigt, dass das christliche Abendland noch nicht ganz verloren ist, dass man ihm da lieber nicht weiter auf den Zahn fühlt.

Das war auch in diesen Kreisen schon mal anders. In den Achtzigern sangen wir in meinem Schülerbibelkreis gerne ein Lied von Manfred Siebald: „Das kleine Kreuz an deinem Hals“. Es geht darin um die Leute, die das Kreuz auf ein niedliches Schmuckstück reduzieren und seine eigentliche Bedeutung, nämlich das Leiden und Sterben des Erlösers, völlig ausblenden.

Das Kreuzchen am Hals eines Girlies ist aber eine harmlose Sache verglichen mit dem Kreuz an den Wänden der Staatsgewalt. Was ist in diesem Kontext die Botschaft an die Bürger dieses Landes? Wer kennt sich theologisch so gut aus, dass er in diesem Galgen das Symbol der Gnade und bedingungslosen Menschenliebe erkennt? Den meisten Menschen hierzulande liegt sicher die historische Wirkungsgeschichte dieses Symbols näher. Diese begann im 4. Jahrhundert mit den Satz: In hoc signo vinces. Das Kreuz als Symbol der Macht. Das ist das Gegenteil dessen, wofür es steht, und deswegen ist es in diesem Kontext wirklich nur äußerst vorsichtig zu gebrauchen. Wer die Bedeutung des Kreuzes aber wirklich verstanden und verinnerlicht hat, braucht ein solches überhaupt nirgends aufzuhängen.

Vor der Zeit Konstantins war das Kreuz als Symbol des Christentums weitgehend ungebräuchlich. Solange das Kreuzigen als Foltermethode noch in Gebrauch war, vermieden die Christen dieses Zeichen eher. Es war schlicht zu brutal. (Das Glaubenssymbol der ersten Christen war IXTHYS, der Fisch.) Aber auch ohne Kreuz breitete sich das Christentum damals rasend schnell über ganz Europa aus. Vielleicht würde es sich ja mal lohnen, darüber nachzudenken, was die damals anders gemacht haben als wir heute.

2 Gedanken zu “Das kleine Kreuz an deiner Wand

Hinterlasse eine Antwort zu juttaschierholz Antwort abbrechen