Uli Marienfeld: Offene Türen

Hätte doch mein Sportlehrer Uli Marienfeld geheißen. Oder hätten meine Sportlehrer wenigstens mal den Text über die „Didaktik der grünen Männchen“ gelesen, der damals in den Achtzigern sogar schon verfügbar gewesen wäre. Ich hatte als Kind keinen Spaß an Bewegung und Sport war für mich kein ernstzunehmendes Schulfach, sondern schlicht eine Reihe von Demütigungen mit dem einzigen Zweck, mir die Freude über sonstige schulische Errungenschaften zu vergällen, indem man mich sinnlos im Kreis herum oder über klobige Geräte jagte. Dass das Ganze Spaß machen kann und dass Spaß objektiv der einzige Grund ist, es zu tun, ist ein Gedanke, der mir 13 Schuljahre lang fremd geblieben ist. Da hätte mir die ironisch distanzierte Haltung zu derartigen Sinnlosigkeiten doch sehr geholfen, wie sie der Pädagoge Meinhart Volkamer 1979 in einem herrlich pointierten Artikel formuliert hat. Uli Marienfeld zitiert diesen in seinem Buch dankenswerterweise in voller Länge.

Uli Marienfeld ist Lehrer für Religion, Sport und Mathematik und seit 2018 stellvertretender Schulleiter der Evangelischen Schule Berlin Zentrum, die für ihr innovatives Schulkonzept bekannt ist. Schüler von dort berichten mir von so vielen Praktika, Projekten und Reisen, dass man sich schon fragen muss, wann denn diese Kinder überhaupt mal was Richtiges lernen.

Bei dieser Frage grinst der Pädagoge Marienfeld. Sein Ansatz ist das Lernen in Resonanzräumen, sozusagen die Praxis zu Hartmut Rosas Theorie: Räume, in denen „’der Funke überspringt‘, Begeisterung aufkommen, sich Leidenschaft und Entdeckerfreude entwickeln können“ (S. 65). Da diese Räume für jedes Kind anders aussehen, ist eine Offenheit für verschiedene Zugänge und Lernwege notwendig, sowie – und das ist Ulis große Stärke – die Beziehung zur Lehrperson. Uli ist dafür bekannt, dass er die Tür zu seinem Büro in der Schule stets offen lässt: Der Direktor darf behelligt werden. Er wünscht das sogar. Diese Zugänglichkeit beschreibt Uli als einen weiteren Schlüssel für gelungene Lernerfahrungen (das Buch heißt nicht umsonst „Offene Türen“).

Angefangen mit den eigenen Erfahrungen als Schüler erzählt er in diesem Buch reichlich Anekdoten aus dem eigenen Leben über gelungene Erfahrungen aus dem Schulalltag und lässt auch etliche Weggefährten selbst zu Wort kommen. Irgendwann beginnt man sich zu fragen, warum es in Berlin so schwierig ist, Schulleiter zu finden, wenn deren Alltag offenbar überwiegend aus Segeltörns und Studienreisen in die Toskana besteht. Dass diese Leichtigkeit im Lehren und Lernen hart erkämpft ist und dass auch Uli beruflich und privat alles andere als einen leichten Weg zu gehen hatte, erfährt man eher am Rande. (Uli, vielleicht solltest du als nächstes ein Buch über Resilienz schreiben!)

Diese Erlebnisberichte und Anregungen zu neuen Lernformen sind eine unterhaltsame und herausfordernde Lektüre nicht nur für Pädagog*innen und Eltern, sondern eigentlich für alle, die versuchen, in ihrem Leben irgendjemandem irgendetwas zu vermitteln. Spannend auch für den Kontext einer christlichen Gemeinde.

Da freut es mich natürlich besonders, dass Uli seit kurzem Teil des Leitungsteams meiner Gemeinde ist. Meine Erfahrung mit ihm ist bisher vor allem die, dass ich nach jeder (jeder!) meiner Predigten – oft schon auf dem Nachhauseweg in der U-Bahn – eine schon fast absurd überschwängliche Lobeshymne in meinem Mailpostfach finde. Da schäme ich mich schon fast ein bisschen dafür, dass ich Monate gebraucht habe, um endlich sein Buch zu besprechen. Ich kann bestätigen, wie sehr eine solche positive Resonanz dazu motiviert, beim nächsten Mal gedanklich noch ein bisschen höher und weiter zu springen. Er ist halt ein guter Sportlehrer. Und auch sonst.

Uli Marienfeld: Offene Türen. Vom gelingenden Leben im schulischen Alltag, Herder, Freiburg im Breisgau 2020.

2 Gedanken zu “Uli Marienfeld: Offene Türen

    1. Jaja, da muss ich schon sehr aufpassen :-)) Punktuell hab ich im Lauf meines Erwachsenenlebens ja sogar schon Spaß an der Bewegung erworben, auch als Überlebende dieses Sportunterrichts. – Uli macht übrigens bald eine Lesung! Schau mal auf die BP-Webseite.

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