Jason Liesendahl: Gott kann auch nicht alles

Manchmal reicht es schon, ein Pronomen zu verändern, um die Gedanken in eine neue Richtung zu lenken. In Jason Liesendahls Buch ist Gott (sozusagen aus Gründen der Quote, wie er in der Einleitung schreibt) durchgängig eine Sie. Wem das schon zu viel Provokation ist, braucht sich die folgenden 250 Seiten gar nicht erst anzutun, denn dieses Buch ist – frei nach Kafka – eine Axt für viele eingefrorene evangelikale Denkmuster. Und Jason holt mächtig weit aus.

Das große Anliegen dieses Buches ist nichts weniger als: Möglichkeiten zu eröffnen, heute noch verstehend an Gott zu glauben. („Es geht nicht darum, Gott völlig begreifen zu können, es geht darum, überhaupt etwas von Gott begreifen zu können“, S. 28), und ich ergänze: es geht darum, aufgrund dieses Begreifens überhaupt noch an Gott glauben zu können. Jason macht kein Geheimnis daraus, dass er sich damit auch an seiner eigenen christlichen Biographie abarbeitet. All die so oft gehörten Antworten auf seine drängenden Fragen nach Gottes Handeln in der Welt haben ihn offenbar schon lange nicht mehr befriedigt. Und er weiß auch, dass er mit diesen Fragen nicht allein ist.

Eine solche Möglichkeit, denkend weiterzuglauben, sieht Jason im Ansatz der Prozesstheologie. Hier wird das Problem, dass Gott angesichts des Leids in der Welt nicht gleichzeitig allmächtig und gut sein kann, dahingehend aufgelöst, dass Gott selbst nicht allmächtig und vollkommen, sondern selbst – gemeinsam mit seiner Schöpfung – noch im Werden ist. Gott geht mit dem Menschen eine Kooperation ein. Gott zwingt nicht, sondern lockt. Unser Leben ist nicht bis ins Einzelne vorherbestimmt, sondern wir sind in Möglichkeitsräume hineingestellt, deren Ausgestaltung wir selbst in die Hand nehmen dürfen.

Diesen neuen theologischen Ansatz, der bisher überwiegend im englischsprachigen Raum diskutiert wird, möchte Jason nun mit diesem Buch einer deutschsprachigen Leser:innenschaft nahe bringen. Das tut er in einer erfreulich verständlichen, plastischen Sprache und findet immer wieder ganz neue, unverbrauchte Metaphern und Wendungen („Vielleicht lässt Gott sich überraschen, wozu wir das Leben nutzen“, S. 93, oder: „Gott ist wie ein guter Song, der die Welt durchzieht. Wir sind eingeladen mitzuspielen“, S. 100.)

Für alle Menschen, die ihr bisheriges Leben unter der Fuchtel eines allmächtigen und allgegenwärtigen Gottes verbracht haben, der nichts von dem gutheißt, was man selbst mag, sondern einen anderen, „heiligeren“ Weg vorgesehen hat, von dem kein Millimeter weit abgewichen werden darf, sind das sehr gute Nachrichten. Jason macht es vor, was man alles darf, wenn man diesen Gedanken einmal abgeschüttelt hat: Er zieht unter den neuen Vorzeichen der Prozesstheologie einen mächtigen Bogen von den Ursprüngen der Welt über Christus, Kreuz, Sünde und Vergebung bis hin zur Praxis des Betens und bürstet etliche klassisch evangelikale dogmatische Aussagen gegen den Strich. Erfreulich finde ich, wie er in diesem Zusammenhang Theolog:innen in den Diskurs einführt, die im evangelikalen Raum bisher meist als „böse“ gegolten haben: Dorothee Sölle, Bultmann, Moltmann … Vieles, nach dem so manche evangelikal geprägte Menschen aktuell suchen, ist eben längst schon geschrieben worden. Nur ist es uns „Frommen“ einfach noch nie nahegebracht worden.

Dieses Buch ist der Beginn eines interessanten Diskurses. Denn ein paar Fragen hätte ich spontan schon noch, z.B.: Wird Macht wirklich weniger, wenn man sie teilt? Wenn Jesus nicht Gott ist, ist dann nicht sowieso klar, dass auch das mit dem stellvertretenden Opfer nicht aufgehen kann? Landen wir mit der Preisgabe der göttlichen Allmacht nicht zwangsläufig in einem Dualismus? … und: Was sagt eigentlich Manuel Schmid zu dem Ganzen? Dieser hat schließlich mit Gott hat keinen Plan für dein Leben vor nicht allzu langer Zeit ein Buch über den Offenen Theismus vorgelegt, der ganz ähnliche Fragen stellt, aber etwas anders beantwortet. Ein Gespräch zwischen diesen beiden fände ich mal spannend.

Ich persönlich finde all diese Gedanken charmant und einladend, aber letztendlich wird mir bei dem Gedanken an ein offenes Ende der Geschichte, das davon abhängt, inwieweit die Menschen kooperieren (im Wissen darum, wozu Menschen fähig sind …) doch auch etwas mulmig. So ahne ich, dass auch die Prozesstheologie noch nicht der Weisheit letzter Schluss ist. Das behauptet Jason aber auch nirgends. Sein Buch ist erst ein Anfang, eine Einladung, über alte Grenzen hinauszudenken. Die bisherige Resonanz auf das Buch deutet darauf hin, dass die Einladung von vielen Menschen dankend angenommen wird. Dieser Song hat das Zeug zum Ohrwurm.

Jason Liesendahl: Gott kann auch nicht alles. Einführung in die Prozesstheologie, ruach.jetzt 2024

2 Gedanken zu “Jason Liesendahl: Gott kann auch nicht alles

  1. Avatar von Wolfgang Carlsson Wolfgang Carlsson

    Grüß Gott Jutta Schierholz,

    Herzlichen Dank für die feinen Gedanken zum Lehrtext am 03.06.24 im ERF.

    Die badische Aussprache war nur mehr an wenigen Stellen erkennbar. Meine Frsu kommt aus Gengenbach.

    Gottes reichen Segen für die weitere Arbeit unter/ mit den Menschen in Berlin.

    Wolfgang Carlsson

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