Douglas Stuart: John of John

Neulich ist es mir seit langem endlich wieder mal passiert, dass ich erst Stunden später als gewöhnlich an meinem Arbeitsplatz eingetroffen bin, weil ich unbedingt vorher noch einen Roman zu Ende lesen musste.

John of John von Douglas Stuart: ein Roman über queeres Leben im ländlichen Raum, über eine klaustrophobische religiöse Gemeinschaft mit erstarrten Regeln und Gebräuchen und über das Verschwinden traditionellen Handwerks. Unter diesen Vorzeichen erwartet man eigentlich eine sehr düstere, pessimistische und ziemlich vorhersehbare Geschichte. Nach den ersten Seiten hatte ich tatsächlich genau diesen Eindruck und war schon kurz davor, das Buch wegzulegen, las aber zu meinem Glück noch weiter bis zur ersten überraschenden Wendung. An dem Punkt hatte ich dann endlich begriffen, dass ich hier diejenige bin, die die falschen Vorzeichen im Kopf hat. Dass nämlich Cals gescheiterter Versuch der Partnersuche auf dem fernen Festland, in dessen Verlauf er seine ganz eigene Kreation von Dickpic entwirft, genauso lustig gemeint ist, wie sich das liest (interessanter Fakt: Stricken war ebenso wie Weben ursprünglich Männersache! ). Ich musste bloß erst meine eigenen Ally-Manschetten abnehmen, die mich üblicherweise daran hindern, über solcherlei Unglück zu lachen.

Befreit von diesen anfänglichen Hemmungen ließ ich mich dann doch auf die Geschichte ein und auf die Begegnungen mit den Bewohnern des fiktiven Dorfes Falabay, irgendwann in den 90ern des letzten Jahrhunderts auf der schottischen Hebrideninsel Harris (ja, da wo der Tweed herkommt). Douglas Stuart erzählt in einem wunderbar warmherzigen Ton die tragische Geschichte einer Familie, die über ihren eigenen Geheimnissen zerbrochen ist. Neben Cal, dem schwulen Kunsthochschul-Absolventen ohne Berufsperspektive, gibt es den vom kargen bäuerlichen Alltag geplagten Vater, der vor sich selbst in eine starre Religiosität flüchtet. Es gibt die hinterhältige Großmutter, die geschiedene Ex des Vaters samt wuselnden Stiefkindern, die verflossene Liebe aus Cals ungeouteten Jugendjahren, den alten Freund von damals, der es nie aus dem Dorf herausgeschafft hat und nun dem Suff verfallen ist, und auch den seltsamen Nachbarn, der in seinem Zimmer im Elternhaus eine Funkstation eingerichtet hat. Und bald wird klar, dass von allen diesen Menschen Cal längst nicht derjenige ist, der die größten Probleme hat.

Die Geschichte nimmt ähnlich viele unerwartete Wendungen wie die Küstenstraße nach Falabay, aber Douglas Stuart webt die Fäden seiner Erzählung ebenso kunstvoll und farbenfroh wie John und Cal ihre Muster am Webstuhl. Und am Ende ist es auch gar nicht Cal, der nach etlichen komischen und tragischen Begebenheiten die wunderbarste Befreiung erfährt.  Im Gegenteil: am Ende möchte man nichts lieber, als die Fähre nach Harris zu nehmen und von Cal das Weben und vielleicht ein bisschen auch das Leben lernen.

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